AUS DEM KREIS. Zehn Euro in der linken, die Krankenkassen-Chipkarte in der rechten Hand, so standen gestern viele Oberberger erstmals nach der Weihnachtspause in den Arztpraxen. Das sah schon lustig aus, meinte der Ründerother Dr. Lothar Mähler. Gar nicht lustig aber fand er, dass der Arzt zum Kassierer geworden ist. Die Krankenkassen, so Mähler, hätten sich das Geld viel einfacher selbst holen können. So aber sei die Zuzahlung eine Abschreckungsgebühr.
Seinen Patienten bescheinigte Mähler, gut informiert zu sein, Proteste habe es kaum gegeben. Auf Diskussionen über Sinn oder Unsinn der Zuzahlung ließ sich Mähler erst gar nicht ein: Per Aushang bat er seine Patienten, sich doch bitte an die Bundestagsabgeordneten zu wenden.
Auch die Katholischen Kliniken Oberberg (KKO) haben gestern kassiert und Quittungen geschrieben. Dass für Notfallbehandlung gezahlt werden müsse, sei den Patienten bekannt gewesen. Ins St. Josef-Krankenhaus Engelskirchen jedenfalls sei niemand gekommen, um die Gebühr beim Hausarzt zu umgehen, sagte der stellvertretende Verwaltungschef Matthias Mund.
Von einer Ungereimtheit berichtete gestern der Morsbacher Arzt und Oberbergs KV-Sprecher Klaus Peters. Ein Patient hatte am Freitag in seiner Praxis die zehn Euro gezahlt und wurde am Wochenende vom Notarzt in Wissen erneut zur Kasse gebeten. Peters: Ob beim Hausarzt oder Notarzt, in NRW muss der Patient nur einmal zahlen. In Rheinland-Pfalz aber ist die Gebühr bei jedem Notarzt-Besuch fällig.
Besonders kritisiert Peters den Aufwand. Drei Minuten dauerten die Schritte Kassieren, Computereintrag und Quittungsausdruck. Bei 80 Patienten habe sich das gestern auf 240 Minuten summiert - vier Stunden, die den Helferinnen für medizinische Handreichungen verloren gingen.
Der Waldbröler Urologe Dr. Ernst Mühlenkamp meint, dass die Schreibarbeit pro Patient sogar etwa zehn Minuten zusätzlichen Aufwand bedeutet, der medizinisch niemandem Nutzen bringt. Mit einem drastischen Ausdruck charakterisiert er den Mehraufwand, den die Gesundheitsreform den Ärzten beschert hat. Mit dem Kassieren sei es ja nicht getan. Komme ein Patient ohne Überweisung des Hausarztes zu ihm, müsse er die Praxisgebühr für die Krankenkasse einbehalten sowie zusätzlich einen Bericht und eine Überweisung zur Weiterbehandlung beim Hausarzt ausstellen. So könne man sagen, dass die Gesundheitsreform Arbeitsplätze schafft: In der Bürokratie.
Zwei Patienten hätten gestern erbost auf dem Absatz kehrt gemacht, berichtet Dr. Hans Balthes, der in Bielstein als Allgemeinmediziner arbeitet. Sonst gab es aber keinen Ärger: Wir haben disziplinierte Patienten. Viele hätten Solidarität bekundet. Bei uns geht's jetzt zu wie beim Aldi, klagt Balthes. Kassen und Fachärzte schluckten das Geld, die Arbeit bleibe wieder bei den Hausärzten hängen.
Für problematisch hält Balthes auch das Sicherheitsrisiko, das sich aus der im Laufe des Tages wachsenden Menge an Bargeld ergibt: Wir haben natürlich Angst, dass wir beklaut werden. Meine Mitarbeiterinnen müssen die Kassette immer im Auge behalten. Von einer abschreckenden Wirkung der Gebühr sei nichts zu spüren gewesen. Balthes' Arzthelferin Heike Schneider beschwert sich über viel mehr Arbeit, auch weil die Zahl der Überweisungen gestiegen ist. Einige wollten sogar zum Zahnarzt überwiesen werden.
Es ist wie bei
der Lkw-Maut
So lässt sich die Gebühr aber nicht umgehen. Auch der Bernberger Zahnarzt Holger Frede musste gestern erstmals abkassieren. Weil nach den Festtagen mit vielen unangemeldeten Schmerzpatienten gerechnet werden muss, hatte seine Frau und Praxishilfe Waltraud vorsorglich nur wenige Termine ausgemacht. So kam es trotz des Verwaltungsaufwands nicht zu zusätzlichen Wartezeiten. Holger Frede kritisiert, dass noch viele Fragen offen sind - etwa, ob die zehn Euro auch eingezogen werden, wenn im Rahmen einer (eigentlich praxisgebührfreien) Vorsorgeuntersuchung etwas Zahnstein entfernt wird. Es ist wie bei der Lkw-Maut, meint Holger Frede. Früher war Deutschland gut organisiert, jetzt regiert die Hektik. (hfl / mf / tie) SEITE 24