BONN. Guten Morgen, wir kommen von der Finanzverwaltung, können wir mal mit Ihnen reden? Diskret und höflich treten die Mitarbeiter der Bonner Steuerfahndung auf, wenn sie mit einem richterlichen Durchsuchungsbeschluss zu einem ihrer Hausbesuche erscheinen. Es muss ja nicht gleich die ganze Straße Bescheid wissen, sagt Dr. Berthold Stentenbach, Fahndungsleiter und Vize-Chef des Finanzamtes für Steuerstrafsachen und Steuerfahndung in der Theaterstraße, und: Wir sind keine Rambos.
Die Höflichkeit soll dazu beitragen, die für den mutmaßlichen Steuerhinterzieher recht stressige Situation zu deeskalieren. Und Diskretion ist ohnehin eine der obersten Tugenden von Finanzbeamten. Diskretion und Verschwiegenheit: Auch wer über die alltägliche Arbeit eines Steuerfahnders berichten will, bekommt diese Tugenden zu spüren. Beim Gespräch mit Stentenbach und vier weiteren Fahndern ist von vornherein klar, dass Namen nicht genannt werden. Nicht die Namen derjenigen, die den Staat betrügen wollen, weil sie meinen, sie hätten mit der Finanzierung von Schulen, Krankenhäusern oder Straßen nichts zu tun. Gedruckt werden sollen aber auch nicht die Namen derjenigen, die dagegen vorgehen und im vergangenen Jahr zur Freude von Finanzminister Jochen Dieckmann pro Fahnder 643 000 Euro zusätzlich in die Landeskasse gebracht haben - ein kaum zu toppendes Kosten-Nutzen-Verhältnis.
Doch vor den Lohn haben die Götter den Schweiß gesetzt. Durchsuchungen sind auch für die 35 Bonner Steuerfahnder stressig: Wie reagieren die Betroffenen? Man kann das nicht pauschal sagen. Da gibt es den Arzt, der überraschend aggressiv wird, genauso wie den Zuhälter, der ganz ruhig bleibt, sagt ein Fahnder. Immer häufiger stoßen die Beamten bei ihren Durchsuchungen auf illegale Schusswaffen. Die stellen wir grundsätzlich schon aus Gründen des Eigenschutzes sicher, sagt einer der Fahnder, außerdem rufen wir dann die Polizei.
Ruhig zu bleiben und zu kooperieren ist die beste Möglichkeit für Steuersünder, aus dem selbst eingebrockten Schlamassel wieder herauszukommen. Doch wer ist schon immer vernünftig? Einer der Fahnder berichtet von einem Bürger, der den Schlüssel für den Safe mit den belastenden Unterlagen heruntergeschluckt habe: Wir sind dann mit ihm ins Krankenhaus gefahren. Seine Kollegin hatte einmal einen Kunden, der permanent zur Toilette musste: Dabei hat er nicht mehr Kaffee getrunken als ich auch. Der Grund für die scheinbar schwache Blase sei auch hier der vergebliche Versuch gewesen, einen Safeschlüssel verschwinden zu lassen. Wieder ein anderer Bürger habe vorgegeben, eine Kopfschmerztablette nehmen zu wollen. In Wirklichkeit habe er einen Aktenordner aus dem Fenster geworfen.
Um vermeidbare Risiken auszuschalten, bemühen sich die stets unbewaffneten Steuerfahnder, die Dinge soweit wie möglich vorher abzuklären: Wenn jemand schon fünf Mal wegen Körperverletzung vorbestraft ist, bringen wir grundsätzlich die Polizei mit. Aber auch in allen anderen Fällen gibt es eine Grundregel: Zur Eigensicherung besuchen die Fahnder jedes Objekt mindestens zu dritt. Nach oben ist die Zahl der Fahnder dagegen unbegrenzt: An der größten Durchsuchungsaktion sind sage und schreibe 1500 Beamte beteiligt gewesen - bei einer europaweiten Razzia im Kampf gegen kriminelle Umsatzsteuerkarusselle, die den Fahndern schwer zu schaffen machen.
Bei den Umsatzsteuerkarussellen ist der Gesetzgeber gefordert, sagt Stentenbach. Der Betrug läuft hier gewerbsmäßig ab, die Grenze zur organisierten Kriminalität ist überschritten: Unternehmen reichen Scheinrechnungen beim Finanzamt ein und holen sich dort die angeblich gezahlte Umsatzsteuer zurück: Diese Leute bedienen sich beim Finanzamt, als wäre es eine Bank. Der Schaden gehe in den zweistelligen Milliardenbereich, und auf manch eine politisch zur Debatte stehende Kürzung könne verzichtet werden, wenn den Tätern im weißen Kragen das Handwerk gelegt würde.