Direkt am Dom: Cafe Reichard
"Die Lage ist vom Herrgott bevorzugt", schwärmt Manfred Möllhoff und zeigt auf den Dom auf der anderen Straßenseite. Der 67-Jährige ist zwar längst Pensionär, kommt aber immer noch regelmäßig ins Café Reichard, um Inhaber Heinz-Josef Betz zu beraten. Betz (51), gelernter Kellner, führt gemeinsam mit seinem 70 Jahre alten Vater Fritz Betz "eines der schönsten Caféhäuser Europas", wie die beiden mit Stolz sagen. "Wir haben uns in ganz Europa in guten Kaffeehäusern abgeschaut, was die typische Atmosphäre ausmacht: Polster, Spiegel, Lüster, die Farben. . ." So wird der Kern des im neugotischen Stil restaurierten WDR-Gebäudes Unter Fettenhennen 11 - der Teppich mit dem Reichard-R stammt aus England - nie angetastet, während alle anderen Bereiche dem Zeitgeist unterliegen. "Auf der Terrasse haben wir schneeweiße Kunststoffstühle, und unter Schirmen stehen Teakholzmöbel mit weißen Sitzkissen." Um 400 Außenplätze und ebenso viele drinnen kümmern sich die 54 fest Angestellten. Die Frauen tragen hell-bordeaux-farbene Röcke und zart-fliederfarbene Blusen. "Wir wollen kein klassisches Schwarz-Weiß, sondern modern sein - wie die Ausstattung des Glaspavillons, von dem aus man bei jedem Wetter einen wunderbaren Blick auf den Dom hat." Dort haben lederbezogene Stühle in Flieder und Cognac die Holzmöbel im Ahornpfauenaugen-Stil ersetzt. Die nach französischem Vorbild beliebig kombinierbaren Einzeltische haben Platten mit buntem Glas. Das gleiche Rezept gilt für Chefkoch Jörg Kleber, der bei Brogsitters´ an der Ahr gelernt hat: Nicht Toast Hawai und Ragout Fin, sondern Lachsfilet und Maispoularde. "Wir wollen der Zeit immer etwas voraus sein", sagt Möllhoff. "Schon Anfang der 80er Jahre haben wir mit Frühstücks- und Mittagsbuffet erreicht, dass nicht nur zur Kaffeezeit das Haus gut besucht ist." Über mangelnde Kundschaft brauchen sich die Betz´ wahrlich nicht zu beklagen. Viele Stammkunden sind dem Café und der Confiserie mit selbst gemachten Schokoladen oder Pralinen treu. Senioren lieben das Haus ebenso wie junge Leute, und die zentrale Lage beschert Touristen in großer Zahl. "Wir haben 20 bis 25 Nationen in unseren Reihen. Da gibt es keinen Gast, den wir nicht bedienen könnten", erklärt Heinz-Josef Betz. Drei Mal in der Woche (Mittwoch, Samstag, Sonntag) spielen ein Stehgeiger und ein Pianist live von 15 bis 18 Uhr im Café. Und wer gar keinen Kaffee mag, der kann hier auch vorzüglich Tee trinken. Doch immer duftet es nach Kaffee.
CAFÉ REICHARD
Tasse Kaffee 2,45 Euro; Stück Torte oder Obstkuchen 3,45 Euro im Café, 2,95 Euro zum Mitnehmen. Spezialität: Café Reichard-Torte (mit Krokant, Nougat und Rum). Unter Fettenhennen 11, geöffnet 8.30 bis 20 Uhr.
