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Dissonanzen bei der Verabschiedung

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BERGHEIM. Es gibt Menschen, die wirken mit 65 Jahren noch „wie neu.“ Aber selbst, wenn man Dr. Günther Schulte-Herbrüggen seinen Rentenanspruch nicht unbedingt ansieht, so war es für Verwaltungsdirektor Georg Lenhart an der Zeit, ihn am Samstag mit einer Feierstunde in den zu entlassen.

„Der Mann, den wir hier verabschieden, ist nicht irgendwer, sondern eine Säule dieses Krankenhauses“, erklärte Lenhart. Kein Geheimnis machte der Redner aus vergangenen Zwistigkeiten, die er als „naturgemäßes Auseinanderdriften von Interessen“ verbuchte. Ärztliche Wünsche hätten nicht selten den finanziellen Möglichkeiten entgegengestanden.

„Stürmisches Wetter“ hatte bereits 1981 geherrscht, als man Schulte-Herbrüggen zunächst als Chefarztvertretung gewinnen konnte, bevor er die Innere Medizin 1982 vollends übernahm. Sein „Durchsetzungsvermögen“ sorgte bald für moderne Labore und führte 2003 schließlich zum Neubau der Intensivstation. „Er schwebte nie vorbei, er kümmerte sich auf Visite um seine Patienten. Er kam nie mit großem Gefolge und untersuchte individuell“, erinnerte Lenhart. „Dr. Schulte-Herbrüggen war ein hervorragender Chefarzt, aber keineswegs ein leichter“, lautete sein Urteil.

Ähnliche Worte richtete sein Kollege aus der Anästhesie, Thomas Zwolsky, an den Abgänger. Keine Abrechnung wolle er vorlegen, vielmehr ein versöhnliches Resümee ziehen. „Ich, Arzt, interessiere mich für dich“: Das sei Schulte-Herbrüggens Haltung gewesen, wenn er sich zu seinen Patienten begab. Auch sonst habe der Internist in ihrem Interesse gehandelt. „Er hat Missstände öffentlich angeprangert, und das war gut“, schloss Zwolsky.

Und nun ergriff der Gefeierte selbst das Wort. Für ihn sei dies der „Moment, wenn einen das biochronologische Fallbeil trifft.“ Nüchterne Analysen stellte er auch über die gehörten Lobreden an, denen „Heuchelei anhaftet.“ So ist sein Rückzug nicht nur dem hohen Alter geschuldet, er sei auch als „schmerzliche Reaktion auf die Kündigung von 20 Mitarbeitern“ zu verstehen. „Das war für mich wie ein Schlag ins Gesicht“, sagte der scheidende Chefarzt. Während eines Urlaubs hätte ihm die Verwaltung eine Station geschlossen. Weiterhin führte er „den schlechten Ruf des Krankenhauses“ auf einen „Verlust von Bodenständigkeit“ und „mangelnde Rückkopplung“ zurück. „Ein Krankenhaus ist niemals Selbstzweck. Nicht nur wirtschaftliche Effizienz zählt. Das Gesundschrumpfen ist ein gefährlicher Irrweg“, warnte er. Verwaltungsdirektor Lenhart war gestern nicht für eine Stellungnahme zu erreichen.

Trotz alledem betrachtet Dr. Schulte-Herbrüggen seine Zeit insgesamt als „kleine Erfolgsgeschichte“, an deren Ende 60 neu ausgebildete Ärzte und eine ausgebaute internistische Abteilung stehen. Andere erfreuliche Dinge liegen jetzt vor ihm: „Ich werde versuchen, meiner Familie die Zeit zurückzugeben, die ich ihr gestohlen habe.“