Berlin - Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung(DIW) in Berlin hat vor einer zu großen Abhängigkeit von russischenGasexporten gewarnt. DIW-Energieexpertin Claudia Kemfert plädierte ineinem dpa-Gespräch am Dienstag dafür, verstärkt Flüssiggas ausanderen Ländern zu importieren. Außerdem sollten die deutschenAtomkraftwerke 10 bis 15 Jahre länger als derzeit geplant betriebenwerden. Dieser Zeitraum könnte genutzt werden, um die Kohletechnikumweltfreundlich und die erneuerbaren Energien wettbewerbsfähig zumachen.
Kemfert verwies darauf, dass der russische Anteil an denGasimporten Westeuropas von derzeit 35 Prozent nach Prognosen derinternationalen Energieagentur bis 2020 auf bis zu 70 Prozent steigenkönnte. "Und das ist natürlich absolut gefährlich", sagte Kemfert."Auf der einen Seite hat man Versorgungssicherheit, auf der anderenSeite ist Russland natürlich nicht der optimale Wirtschaftspartner,weil hier, wie jetzt auch in der Diskussion mit der Ukraine gesehenwird, auch strategische und politische Interessen verknüpft werden."Das habe Russland in der Vergangenheit getan, "und das wird es auchin der Zukunft tun".
Die Ostseepipeline, deren Bau im Dezember begonnen wurde, würdedie Abhängigkeit vom russischen Gas noch erhöhen. Ein Monopolistkönnte die Preise hochtreiben. "Und das kann uns in Zukunft genausotreffen", sagte Kemfert. Besser wäre es, Terminals in deutschen Häfeneinzurichten, um verflüssigtes Gas aus aller Welt importieren zukönnen. Westeuropäische Partner wie Norwegen oder die Niederlandekönnten ihre Lieferungen an Deutschland nur vorübergehend ausweiten.Ihre Leitungskapazitäten seien ebenso begrenzt wie ihre Gasvorräte.
Gas spielt nach Ansicht der DIW-Expertin noch 20 Jahre lang eineerhebliche Rolle bei der Energieversorgung. Schlüsseltechnologien fürdie Zukunft seien aber erneuerbare Energien wie Biomasse, Wind oderSolartechnik - es brauche allerdings Zeit, sie wettbewerbsfähig zumachen. Kohle habe nur dann eine Zukunft, wenn es gelinge, sieumweltfreundlich zu Strom zu machen und das dabei entstehendeKohlendioxid einzulagern. "Dies braucht Zeit, und die Zeit kann vomAtom kommen", sagte Kemfert. Wenn der umweltfreundlichenKohletechnologie der Durchbruch gelinge, werde es einen weltweitenKohleboom geben, von dem auch die deutsche Steinkohle profitierenwürde. (dpa)