BONN. Stefan ist an diesem Morgen ziemlich nervös. Der schlanke junge Mann schüttelt Hände und lächelt scheu. Seine Handflächen sind ein wenig feucht - heute wird er von sich erzählen, und das ist nicht immer eine schöne Geschichte. Ärztinnen und Therapeutinnen sitzen um ihn herum, als der 30-Jährige von seiner Frau berichtet und von seinem Job, dass es ihm gut geht und er eine Arbeit hat. Vor zwei Jahren sah es für ihn nicht so aus, als würde sein Weg noch viel weiter führen.
Damals habe ich mir gesagt, ich will nicht mehr und habe versucht, mir das Leben zu nehmen", berichtet er und fügt hinzu: Aber das hat zum Glück ja nicht geklappt." Das war sein Tiefpunkt, der zugleich Wendepunkt wurde. Durch Drogen - erst zum Spaß, dann aus Sucht - war er seit zehn Jahren immer weiter abgerutscht. Irgendwann ekelte er sich vor sich selbst. Zwei Therapien hatte er 2004 bereits hinter sich oder abgebrochen. Er war am Ende.
Klar haben wir in der Schule über Drogen gesprochen, doch ich war einfach zu neugierig", berichtet der jungenhaft aussehende, 1,90 Meter große Mann. Mit Haschisch fing er in der Schulzeit an, schnell probierte er LSD, Amphetamine und Ecstasy. Die Drogen machten unempfindlich gegen die Einsamkeit und die Probleme zu Hause. Erst nach Jahren erfuhr er, dass auch sein Vater bei seiner Geburt eine Drogenkarriere hinter sich hatte.
Irgendwann kam Heroin mit ins Spiel. Hemmungen, sich das Gift zu spritzen, hatte Stefan da bereits nicht mehr. Während seiner ersten Ausbildung zum Bauzeichner konsumierte er die Droge unregelmäßig. Doch dann begann der rasante Abstieg. Ich war einfach zu sehr mit Partys und Drogen beschäftigt und habe meine Lehre abgebrochen", berichtet er. Die nächste Lehre zum Stahlbetonbauer endete noch während der Probezeit. 1996 begann er im Alter von 20 Jahren eine Ausbildung zum Zweiradmechaniker. Mit Hilfe des Chefs, der ihn in Therapie schickte, schaffte er den Abschluss. Mit 24 Jahren drehte sich für Stefan dann das Karussell von Sucht, Rausch und Beschaffungskriminalität bereits zu schnell, den Job war er los. Erste Therapieversuche und Entgiftungen folgten. Immer wieder wurde Stefan rückfällig.
Es dauerte noch weitere vier Jahre, bis er den Weg in die Substitutions-Ambulanz in Bonn fand und ihm der Ausstieg gelang. Seit eineinhalb Jahren arbeitet Stefan daran, frei von Drogen und Abhängigkeit zu leben. In der Substitutions-Ambulanz auf der Heerstraße lernt er sich und seine Verhaltensmuster, die ihn immer wieder zur Flucht in die Sucht führten, kennen. Einrichtungsleiterin Maria Leucker erklärt den Ansatz der Ambulanz: Bei uns arbeiten Ärzte und Sozialarbeiter eng zusammen. Ohne die wöchentliche Teilnahme an der Gesprächstherapie gibt es bei uns auch keine Substitution. Hier gibt es nur ein Gesamtprogramm - und es funktioniert."
Mit Tabletten wird die Sucht unterdrückt. Die Patienten lernen, ohne Entzug und ohne Drogen zu leben, werden gleichzeitig in den Gesprächen an sich selbst herangeführt. Anfangs sträubte sich Stefan dagegen, heute sagt er: Wenn die Gespräche nicht gewesen wären, weiß ich nicht, ob ich es geschafft hätte." Er spricht heute offen über seine Scham, die er empfand, nach einem Rückfall wieder bei Null anfangen zu müssen. Doch er hat die Stärke gefunden, sich der Scham zu stellen. Wie er arbeiten derzeit 85 Patienten an der Freiheit von Drogen. Vier Sozialarbeiter aus Caritas und Diakonie sowie zwei Ärzte der Rheinischen Kliniken arbeiten in der Substitutions-Ambulanz.
Stefan ist ihnen sehr dankbar: Ich erkenne mich kaum wieder. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal heirate. Jetzt habe ich einen Job und möchte ein Umschulung machen. Es ist schön, so zu leben."
Die Ambulanz in der Heerstraße 197 steht für alle offen, die von Drogen loskommen wollen. Klingeln genügt. Kontakt unter Telefon (0228) 94 59 50.