„Der Alkohol macht uns am meisten Sorgen“, konstatierte die Drogenbeauftragte der Bundesregierung Mechthild Dyckmans mit Blick auf den aktuellen Drogen- und Suchtbericht 2011, den sie vergangene Woche in Berlin vorstellte. Durchschnittlich trinken die Deutschen zehn Liter Alkohol pro Nase und Jahr und liegen damit im Ländervergleich mit „an vorderster Stelle“. Dyckmans räumte zwar ein, dass es viele gebe, die Alkohol ““verantwortungsvoll konsumieren“, bedenklich aber sei die große Gruppe derjenigen, die einen „riskanten Alkoholgebrauch haben“. Diese Gruppe gelte es anzusprechen.
Die Sucht kommt schleichend
Genau dies will auch die noch bis zum 29. Mai laufende bundesweite Aktionswoche „Alkohol - weniger ist besser“.
Tatsächlich geht der aktuelle Suchtbericht von 9,5 Millionen Deutschen zwischen 18 und 64 Jahren aus, die Alkohol in einer gesundheitlich riskanten Menge konsumieren. 1,3 Millionen von ihnen seien alkoholabhängig, etwa 73 000 Männer und Frauen sterben Jahr für Jahr an den Folgen ihres Alkoholkonsums. Dabei scheint vor allem unter Frauen die Abhängigkeit vom Alkohol zu wachsen. Die Drogenbeauftragte geht davon aus, dass inzwischen 370 000 Frauen in Deutschland alkoholabhängig sind, das entspricht einem Anteil von mehr als einem Viertel aller Alkoholkranken. Mit steigender Tendenz. „Die besonderen gesundheitlichen Risiken von Frauen werden bislang zu wenig beachtet“, bemängelte Dyckmans bereits im Oktober anlässlich der Jahrestagung der Drogenbeauftragten.
Laut Dyckmans konsumieren besonders Frauen im Alter zwischen 40 und 59 Jahren übermäßig Alkohol. Unter Frauen im Alter zwischen 45 und 54 Jahren sei es jede fünfte, die gesundheitsgefährdende Mengen Alkohol zu sich nehme. Aber auch Mädchen zwischen zehn und 20 Jahren trinken zu viel Alkohol. Das belege die Zahl der stationären Aufenthalte im Krankenhaus aufgrund einer Alkoholvergiftung: Rund 2400 Mädchen im Alter von zehn bis 15 Jahren wurden 2008 behandelt. Das waren 300 mehr als Jungen.
Im Erwachsenenalter trete riskantes Trinkverhalten unter Akademikerinnen besonders häufig auf. Dagegen sei der Anteil von Frauen, die nie Alkohol trinken, in den unteren Bildungsgruppen am höchsten. „Das müssen wir bei den Präventionsmaßnahmen beachten“, forderte Dyckmans. Alkohol sei für Frauen besonders schädlich, weil ihr Stoffwechsel empfindlicher reagiere als der von Männern. Deshalb tragen sie ein höheres Risiko, an Leberzirrhose und Brustkrebs zu erkranken.
Zu fatalen körperlichen und psychischen Symptomen freilich führt übermäßiger Alkoholkonsum auch bei Männern. Da Alkohol durch das Blut im ganzen Körper verteilt wird, kommt es bei regelmäßig hohem Konsum zu Zellschädigungen in allen Geweben. Die Leber ist am meisten betroffen. Sie muss 95 Prozent des Alkohols allein abbauen. Die Folgen können eine Fettleber, Leberentzündungen oder eine Leberzirrhose sein.
Alkohol ist gesellschaftlich verankert
Die Liste weiterer alkoholbedingter Gesundheitsschäden ist lang: Auch das Gehirn nimmt Schaden. Bei einem Vollrausch sterben mehrere Tausend Gehirnzellen ab. Das vermindert auf Dauer die geistige Leistungsfähigkeit. Zu viel Alkohol belastet außerdem die peripheren Nervenzellen, zum Beispiel in den Beinen. Es kann zu Lähmungen und Gangstörungen kommen. Die Bauchspeicheldrüse reagiert auf ständige Trinkgelage häufig mit Entzündungen. Die Insulinproduktion wird gestört, was Diabetes zur Folge haben kann. Das Herz kann auf zu viel Alkohol mit Herzmuskelerkrankungen und Herzrhythmusstörungen reagieren. Außerdem stellten verschiedene Untersuchungen einen Zusammenhang zwischen übermäßigem Alkoholkonsum und Krebs fest, etwa im Mund- und Rachenraum, in der Leber- und im Dickdarm.
Auch wenn vielen die gesundheitsschädigende Wirkung von Alkohol bekannt ist: Anders als andere „Drogen“ ist Alkoholgenuss gesellschaftlich anerkannt und gehört bei den meisten Menschen zum täglichen Leben dazu. Ein Wein zum Essen, ein Bierchen nach der Arbeit - für viele ist das ein alltägliches Ritual. Anders als bei den sonstigen Drogen oder Suchtmitteln sei Alkohol „gesellschaftlich eingebunden oder sogar erwünscht“, beklagt Diplom-Psychologe Dr. Bernd Schneider, Leiter der AHG Gesundheitsdienste Koblenz-Köln, einem der größten Therapieanbieter im Bereich Abhängigkeitserkrankungen in Deutschland. Dabei habe erhöhter Alkoholkonsum ganz häufig auch Auswirkungen auf Dritte: Bei häuslicher Gewalt, Verkehrsunfällen, sexuellen Übergriffen und anderen Unfallgeschehen ist häufig eine größere Menge Alkohol im Spiel.
Der Weg in die Abhängigkeit ist meist ein schleichender Prozess, der zunächst weder von den Betroffenen noch von ihren Angehörigen bemerkt wird. Die Ursachen dafür sind vielfältig. „Wir müssen von einem komplexen Entwicklungsgeschehen über viele Jahre hinweg ausgehen“, sagt Diplom-Psychologe Schneider.
Häufige Risikofaktoren seien Abhängigkeitserkrankungen in der Herkunftsfamilie. „Man unterscheidet biologische Faktoren - zum Beispiel die Art und Weise, wie das Gehirn auf den Suchtmittelkonsum reagiert oder wie Alkohol im Körper abgebaut wird - von psychologischen Faktoren wie Familienklima und Modelllernen“, erläutert der Experte. „In der Familie lernen Kinder, wie man mit Problemen umgeht, wie man sich selber steuert und seine Bedürfnisse angemessen befriedigt. Wenn Eltern durch ihre eigenen Sucht schlechte Modelle sind, sind die Kinder auch gefährdet, abhängig zu werden.“
Auch die Verfügbarkeit spielt eine Rolle
Nicht zu unterschätzen sind laut Schneider die Verfügbarkeit eines Suchtmittels, der Beginn des Konsums und seine Intensität. Nach Angaben der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen gilt beim Alkoholkonsum der Satz: Je jünger Kinder und Jugendliche sind, wenn sie beginnen, Alkohol zu trinken, umso größer ist bei ihnen die Gefahr von Missbrauch und späterer Abhängigkeit.
