ARLON. Die Strategie scheint klar: Nur zugeben, was definitiv bewiesen ist - alles andere leugnen. Zum ersten Mal hat sich Marc Dutroux gestern zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen geäußert. Der 47-Jährige soll 1995 und 1996 sechs Mädchen entführt, vergewaltigt und in einem Kellerverlies versteckt haben, bis vier an den Torturen starben.
Es war ein kalter sonniger Tag in Arlon, als der 47-Jährige sich von seinem Platz im Schwurgericht erhob und durch ein Mikrofon mit fester Stimme zu erzählen begann. Von einer unglücklichen Kindheit berichtete Dutroux, von einer Mutter, die ihn „nie unterstützte“, und einen Vater, „der mich nicht als seinen Sohn akzeptierte“. An den Verbrechen, die ihm zur Last gelegt werden, leugnete er jede Schuld. Die Verantwortung schob er anderen zu.
Als Zentrum allen Unheils zeichnete er den Mitangeklagten Michel Nihoul. Der heute 62-Jährige habe ein „Pädophilen-Netzwerk“ betrieben und ihn, Dutroux, mit Druck dazu gebracht, ihm Mädchen zu „bringen“. Mit der Entführung und Vergewaltigung der beiden achtjährigen Mädchen Julie und Mélissa will Dutroux nichts zu tun gehabt haben. Die Kinder seien ihm „gebracht“ worden, sagte er. Ohne Rührung berichtete er, wie er die beiden in seinem Kellerverlies versteckte, um Nihoul „einen Gefallen zu tun“. Wie er sie dort verhungert auffand, als er im März 1996 von einem mehrmonatigen Gefängnisaufenthalt zurückkehrte.
Schuld an ihrem Tod sei seine Ex-Frau, die die Kinder vernachlässigt habe, behauptete Dutroux. Dann gestand er, die 17 und 19 Jahre alten An und Eefje entführt zu haben. Erstmals behauptete er, zwei Polizisten seien beteiligt gewesen. Namen nannte er nicht. Den Mord an den beiden Mädchen legte er einem Komplizen zur Last. Auch ihre Vergewaltigung wies er von sich. Allein den Missbrauch der später von ihm entführten Mädchen Sabine und Laetitia gab er zu. Er konnte nicht anders: Die damals zwölf und 14 Jahre alten Kinder haben als einzige überlebt und gegen ihn ausgesagt.
Alle Mitangeklagten bestritten gestern die Darstellung Dutroux'. Ex-Frau Michelle Martin beschuldigte ihn dagegen, die beiden Mädchen Julie und Melissa sehr wohl gemeinsam mit einem Komplizen entführt zu haben. Martin beschuldigte ihren Ex-Mann auch, den Komplizen dann aus dem Wege geräumt zu haben.
Auch Michel Lelièvre und Michel Nihoul widersprachen Dutroux' neuer Darstellung. Lelièvre bestritt, Julie und Mélissa in das Haus des Hauptangeklagten gebracht zu haben. Er habe die beiden Kinder nie gesehen. Auch Michel Nihoul wies jede Verwicklung in die Entführungsfälle zurück. (afp / dpa)
