ALFTER. Sexuelle Gewalt in der Ehe, ein bedrückendes Thema, mit dem sich Richter immer häufiger befassen müssen: Zu vier Jahren und zwei Monaten Haft wurde gestern ein 26-jähriger Techniker aus Alfter vor der 1. Großen Bonner Strafkammer verurteilt. Im betrunkenen Zustand hatte der bis dahin noch nicht vorbestrafte Mann seine Ehefrau im August 2004 in zwei Fällen derart brutal vergewaltigt, sie durch Schläge und Tritte so schwer verletzt, dass sie sich heute noch in psychotherapeutischer Behandlung befindet und arbeitsunfähig ist.
Vorsitzender Richter Josef Janßen in seiner Urteilsbegründung: Das ganze Elend, das schließlich zu den Taten führte, war schon in seiner Jugend angelegt. Er war erst vier Jahre alt, als das Elternhaus wegen des gewalttätigen Vaters auseinander brach. Damals war die Mutter mit den Kindern auf der Flucht vor ihrem brutalen Ehemann ins Frauenhaus geflüchtet. Ein Jahr später brachte sich der Vater des Jungen um.
Die Folge sei eine Fehlentwicklung seiner Persönlichkeit gewesen. Der Junge habe unter großen Minderwertigkeitskomplexen gelitten, vergeblich nach Bestätigung gesucht. Die Kammer: Als er dann 1999 die ihm weit überlegene Bilanzbuchhalterin heiratete, versuchte er seine Unterlegenheit auf sexuellem Gebiet ausgleichen. Es war eine Konstellation, die nicht zusammen passte.
Er demütigte, erniedrigte und beleidigte seine Frau, um gleichziehen zu können. Bis sie sich laut Gericht weigerte, seine perversen Liebesspiele weiter hinzunehmen. In dieser Situation kam es zu den brutalen Gewalttaten, über die der Angeklagte jetzt im Prozess selbst verständnislos mit dem Kopf schüttelte. In seinem Geständnis vor Gericht: Ich verstehe selbst nicht mehr, was damals los war.
Nach der zweiten Vergewaltigung in der Nacht des 29. August 2004 war die 26-Jährige aus der ehelichen Wohnung geflüchtet und hatte sich der Polizei anvertraut. Erst danach kam der Angeklagte endlich zur Besinnung. Seitdem hat er dem Alkohol abgeschworen, sich zu einer Therapie entschlossen und 40 Kilo abgenommen.
Ohne diese - wenn auch späte - Reue wäre das Urteil für die nach den Worten des Vorsitzenden Vergewaltigungen im erniedrigendsten und übelsten Sinne und in massivster Form, erheblich höher ausgefallen.