Abo

Ehrengarde wippt den Sitzungsleiter

3 min

Das Fax war äußerst knapp. Der Vorstand der Ehrengarde teilte darin „mit Ehrengarde-Rubbedidupp“ mit, dass Frank Remagen für diese Session von seiner Aufgabe als Sitzungsleiter „freigestellt“ sei. Nach 75 von ihm geleiteten Sitzungen - zum Teil vor den Kameras des ZDF und damit vor einem Millionen-Publikum - stellt ihm der Vorstand den Stuhl vor die Tür. „Das Fass ist endgültig übergelaufen“, schäumte Präsident Rainer Benner gestern. „Es haben sich in der Vergangenheit viele negative Dinge addiert, und jetzt kam die Sache mit dem Korpsappell.“

Das Zerwürfnis zwischen Benner (63) und Remagen (42) hat damit seinen Höhepunkt erreicht. Während Benner den Jüngeren einst öffentlich als seinen Nachfolger gepriesen hatte, kühlte sich die Männerfreundschaft allmählich ab. Remagen („der ist ja vom Kern her kein Schlechter“) habe sich mit den falschen Leuten umgeben, haben den Sonnyboy im Korps abgegeben („der ist überall der liebe Jung“), anstatt es als Kommandant zu führen. Weitere „negative Dinge“ seien hinzugekommen. Der Schlusspunkt war der Korpsappell am Montag.

Dort wurde Remagen aus seinem Amt als Kommandant offiziell verabschiedet, das er abgegeben hatte, als voriges Jahr seine Tochter Nadja einen schweren Reitunfall hatte. Die von Remagen erwartete Ernennung zum Ehrenkommandanten („ich hatte im Stillen darauf gehofft“) blieb am Montag aus. Diese Auszeichnung hatte Vorvorgänger Schorsch Kerp erst nach 17 Jahren Amtszeit erreicht. Die Ehrengarde beschenkte Remagen stattdessen mit einer Pferdedecke und einem Blumenstrauß für seine Frau.

Beides ließ Remagen liegen, während er seinen daneben stehenden Koffer mitnahm. Das betrachten Benner und sein Vorstand als offenen Affront. „Er hat damit, drastisch gesagt, der Ehrengarde in aller Öffentlichkeit in die Fresse geschlagen. Abgesehen davon: Die Ernennung zum Ehrenkommandanten müsste erst die Jahreshauptversammlung beschließen.“ Decke und Blumen habe er schlicht übersehen, beteuert dagegen Remagen. Auf der Bühne sei der schreckliche Unfall seiner Tochter noch einmal zur Sprache gekommen, was ihn aufgewühlt und ihm die Tränen in die Augen getrieben habe.

Sieht Remagen jetzt das Tischtuch mit der Ehrengarde zerschnitten? „Nein, die Ehrengarde kann ja nichts dafür, wie Benner sich verhält.“ Er könne sich vorstellen, dass der Präsident den Vorstand auf seine Linie eingeschworen habe. Ob das Präsidentenamt (Benner hört in zwei Jahren auf) noch für Remagen realistisch ist? „Wenn die Kameraden mich rufen, werde ich mich nicht verstecken.“

Für Präsident Benner war jetzt jedenfalls der Punkt erreicht, „eine erzieherische Maßnahme“ zu ergreifen. „Frank hat seinen Anhang im Verein, da wird es jetzt kräftig poltern. Aber da müssen wir durch.“ Der Vorstand habe überlegt, erst nach Karneval einzugreifen, „aber das wäre ja keine Strafe mehr gewesen“.

Am Samstag ist die Prunksitzung der Ehrengarde im Sartory; zu klären ist auch, wer die ZDF-Sitzung präsidieren darf. Zu den möglichen Kandidaten gehört Remagen-Freund Robert Greven, der selbst auch Erfahrung als Sitzungsleiter hat. Heute steht er, wie schon lange geplant, dem Ehrengarde-Elferrat bei der Sitzung der Volksfürsorge vor.