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Eigener RhythmusWenn die innere Uhr falsch tickt

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Für die einen ist es eine tägliche Tortur - der Wecker klingelt gefühlt um drei Uhr morgens, müde und lustlos quälen sie sich aus dem Bett, und oft bessern sich Stimmung und Leistungsfähigkeit erst gegen Mittag. Andere wachen von allein zur richtigen Zeit auf, sind topfit und starten gut gelaunt in den Tag. Warum aber kommen einige Menschen morgens besser aus dem Bett als andere? Warum werden manche dafür abends bereits gegen 21 Uhr müde? Und welche Bedeutung hat das für unseren Alltag und unsere Gesundheit? Fragen, auf die Deutschlands führender Chronobiologe Till Roenneberg versucht, Antworten zu finden.

Der eigene Rhythmus passt oft nicht zum Beruf

Der Grund für morgendliche Startschwierigkeiten sei in der Regel die innere Uhr, meint Roenneberg, Professor am Institut für Medizinische Psychologie an der Universität München. „Es gibt unter den Menschen viele verschiedene Chronotypen. Das heißt, ihre inneren Uhren ticken anders, und sie haben daher einen unterschiedlichen inneren Schlaf-Wach-Rhythmus.“ Seit rund 40 Jahren erforscht Roenneberg die innere Uhr von Menschen, Tieren, Pflanzen und Zellen. Seine Ergebnisse hat er jetzt in einem Buch zusammengefasst. Roenneberg plädiert darin fürs Umdenken. Denn laut dem Neurobiologen leiden heute mehr als die Hälfte aller Menschen in Mitteleuropa unter einem so genannten sozialen Jetlag. „Der innere Schlaf-Wach-Rhythmus stimmt in diesen Fällen nicht mit den gesellschaftlichen Vorgaben überein“, erklärt der Professor. Das heißt, wenn der Wecker um sechs Uhr morgens klingelt, kann es sein, dass es für den Körper noch mitten in der Nacht ist. Die innere Uhr tickt in jeder unserer Zellen und ist dafür verantwortlich, den Körper bereits Stunden vor dem Erwachen langsam hochzufahren. „Darüber hinaus bestimmt die innere Uhr all unsere Körperfunktionen, angefangen von Genen, die zu bestimmten Zeiten aktiviert werden, über Veränderungen der Körpertemperatur bis hin zu kognitiven Fähigkeiten“, sagt Roenneberg.

Wenn Innen- und die Außenzeit nicht synchron sind, sei das so, als ob wir für eine Firma arbeiten würden, die mehrere Zeitzonen östlich von unserem Wohnort liegt, sagt er. Im Gegensatz zum reisebedingten Jetlag sei der soziale Jetlag daher nicht akut, sondern chronisch, also stets spürbar. Den Grund dafür, dass so viele Menschen nicht mit den gesellschaftlichen Zeitvorgaben zurechtkommen, sieht Roenneberg in der Verteilung der verschiedenen Chrono- oder Zeittypen. „Rund 60 Prozent der Menschen sind Spätaufsteher.“

Grundsätzlich unterscheidet die Chronobiologie zwischen zwei Extremen: Auf der einen Seite gibt es die Frühtypen, die so genannten Lerchen. Sie gehen zeitig zu Bett, stehen früh wieder auf, sind morgens munter, werden dafür aber abends früher müde. Die Spättypen auf der anderen Seite, die so genannten Eulen, sind in der Regel bis weit nach Mitternacht wach, schlafen dafür länger und Stimmung, körperliches Befinden und Lernfähigkeit verbessern sich meist erst im Laufe des Vormittags. „Der Zeitrhythmus von extremen Lerchen und Eulen kann bis zu zwölf Stunden auseinanderliegen“, meint Roenneberg.

Der Chronotyp der meisten Menschen liegt in der Mitte. Bestimmt wird er durch die Schlafmitte an freien Tagen. Das heißt, wenn jemand - auch wenn er am nächsten Tag frei hat - durchschnittlich um 22 Uhr zu Bett geht und um sechs Uhr wieder aufsteht, hat er seine Schlafmitte um zwei Uhr morgens. Er wäre damit ein extremer Frühtyp. Zudem muss man noch zwischen den Kurz- und Langschläfern unterscheiden.

Ebenso wie bei den Chronotypen ist die Schlafdauer einer Menschengruppe glockenförmig verteilt (siehe Grafiken). Ob wir eher zu den Früh- oder Spättypen zählen, ist genetisch festgelegt. Dennoch beeinflussen auch Lebensstil und Alter unseren Chronotypen. So tickt beispielsweise die innere Uhr von Teenagern anders als die von Menschen Mitte fünfzig. „Kleine Kinder sind relativ frühe Chronotypen und werden nach und nach zu späten Chronotypen“, erklärt Roenneberg. „In der Pubertät und Adoleszenz werden Menschen zu wahren Nachteulen und erreichen mit etwa 20 Jahren einen Wendepunkt, ab dem sie für den Rest ihres Lebens nach und nach wieder zu früheren Chronotypen werden.“ Diesen Wendepunkt erreichen Frauen mit 19 und Männer mit 21 Jahren.

Einfluss auf unsere innere Uhr haben aber auch äußere Faktoren. Wer sich beispielsweise abends lange in einem sehr hellen Raum aufhält, kann seine innere Uhr durcheinanderbringen. Wobei man zwischen Sonnen- und künstlichem Licht unterscheiden muss. Denn der Einfluss des Sonnenlichts auf die innere Uhr ist sehr viel stärker, da es wesentlich heller ist - selbst an bewölkten Tagen. „Da wir uns den ganzen Tag über fast ausschließlich in Räumen aufhalten, leiden so viele Menschen am sozialen Jetlag, weil die innere Uhr nicht mehr vom Sonnenlicht synchronisiert wird“, meint der Münchner Chronobiologe. Welche Auswirkungen das haben könne, sei heute noch nicht abzusehen.

Das Hauptproblem sei der chronische Schlafmangel. „Er ist eine indirekte Ursache für fast alles, was mit Gesundheit und Fähigkeiten zu tun hat.“ Konzentrationsschwierigkeiten, Fettleibigkeit, Diabetes oder auch Krebs seien nur einige der möglichen negativen Konsequenzen. „Ich möchte zeigen, dass es wichtig ist, diese Dinge ernst zu nehmen.“

In Zukunft müsse man Rahmenbedingungen schaffen, die es jedem erlauben, ohne Diskrepanz zwischen Innen- und Außenzeit zu leben und zu arbeiten. Arbeitszeiten müssten flexibel gestaltet werden. Das wäre nicht nur gesünder, sondern würde auch die Produktivität steigern, sagt der Chronobiologe. Zudem müsse man den Schulbeginn überdenken: „Mit dem bisherigen System diskriminiert man unzählige Spättypen. Beispielsweise könnte die Oberstufe erst um zehn Uhr beginnen.“ Und über ein solches Umdenken würden sich sicherlich nicht nur Teenager freuen.

„Wie wir ticken. Die Bedeutung der inneren Uhr für unser Leben“ , Till Roenneberg, DuMont-Buchverlag,

240 Seiten, 19,95 Euro.