WALDBRÖL. Es war der allererste Auslandsaufenthalt des späteren Globetrotters. Und ein Verwandtenbesuch: Johanna Krenkow war die Schwester eines angeheirateten Onkels des noch unbekannten Dichters aus England. Ihr Mann Karl arbeitete beim Waldbröler Amtsgericht.
Vor allem mit seiner Gastgeberin verstand sich D.H. Lawrence bestens. In einem Brief vom 13. Mai beschreibt er sie als heiter und sehr klug - aber vollkommen ehrenhaft. Auch deshalb gilt es in der literaturwissenschaftlichen Forschung als unwahrscheinlich, dass sich tatsächlich mit Johanna ein Flirt entwickelte, wie ihn Lawrence in einer Erzählung beschreibt.
Hagel im Rheinland wurde daheim in England im August des Jahres in der Saturday Westminster Gazette veröffentlicht (auf Deutsch nachzulesen im Sammelband Mit seinem Gold und Nebel - Das Bergische Land im Spiegel der Literatur, herausgegeben von Detlef Arens).
Der Erzähler berichtet von einer Wanderung: Der Nachmittag war wirklich sonnig, sehr heiß und schön. Übrigens trug Johanna den einzigen Sonnenschirm, den ich in Waldbröl gesehen habe, und ich bin der einzige Engländer, dessen sich eine Frau im Umkreis von Meilen rühmen konnte. So brachen wir auf. Wir wollten nach Nümbrecht wandern, etwa fünf bis sechs Meilen weit.
Dort angekommen kehren sie in einem Gasthaus ein. Für den Rückweg nehmen sie die Postkutsche, den ein Unwetter kündigt sich an. Während der Fahrt prasseln Hagelkörner nieder, groß wie Naphthalinkugeln.
Ich legte meine
Hand auf ihre
Das beängstigende Erlebnis bringt die beiden Hauptfiguren erst näher zusammen (Mein Herz schlug, und ich legte meine Hand auf ihre. Sie tat so, als merkte sie es nicht, und das ließ mein Herz noch schneller schlagen.) - dann auseinander: Vielleicht hätten wir uns für immer unglücklich gemacht, wenn dieses Unwetter nicht gewesen wäre.
Das kinderlose Ehepaar Krenkow wohnte in einer Wohnung im Haus von Gustav Hartmann an der Hauptstraße (der späteren Kaiserstraße), dessen Sohn Heinrich Gustav hier seit drei Jahren die erste Waldbröler Autowerkstatt betrieb. Hartmanns jüngste Tochter war übrigens Martha Helene, die Mutter des späteren Bundespräsidenten Johannes Rau.
Die Vorgeschichte des Waldbröl-Besuchs von D.H. Lawrence war - gelinde gesagt - turbulent. Die Reise nach Deutschland hatte ursprünglich mit beruflichen Plänen zu tun. Lawrence war geraten worden, sich um eine Lektorenstelle an einer deutschen Universität zu bemühen, und auch bei einer Einladung bei seinem ehemaligen Professor und dessen Gattin Mitte März des Jahres war es wohl darum gegangen. Die Bekanntschaft mit Frieda Weekley veränderte aber nicht nur Lawrences Leben, sondern auch die Motivation für seinen Deutschlandbesuch, schreibt der Braunschweiger Anglist Prof. Viktor Link. Heimlich reisten sie gemeinsam nach Metz, wo Frieda ihren Vater besucht. Lawrence war bald klar, dass er sie heiraten wollte. Doch Frieda hatte schon bei früheren Affären keinen Anlass gesehen, die gesicherte Existenz als Mrs Weekley aufzugeben.
Der Aufenthalt in Metz war ein Fiasko. Die beiden konnten sich kaum sehen. Bei einem der seltenen gemeinsamen Spaziergänge gerieten sie auf militärisches Sperrgebiet, Lawrence wurde als englischer Spion verhaftet. Friedas Vater bekam ihn frei, allerdings musste er sofort abreisen. Nach einem Zwischenstopp in Trier fuhr der unglücklich verliebte Engländer nach Waldbröl. Wie verabredet stieg er am 11. Mai nach neunstündiger Fahrt und einem längeren Aufenthalt in Hennef aus der Brölbahn.
Waldbröl hält Einzug
in die Weltliteratur
Den Arbeitsurlaub in Waldbröl nutzte der englische Dichter nicht für den Bericht von dem Hagelsturm, sondern auch zur Arbeit am Manuskript von Söhne und Liebhaber. Die oberbergische Kleinstadt findet auch Widerhall in dem autobiografischen RomanMister Noon (siehe Kasten).
Unterm Strich hat es D.H. Lawrence in Waldbröl so gut gefallen, dass fest vorhatte, wiederzukommen. Der Anglist Link meint: Hatte er in Metz einen eher negativen Eindruck vom militaristischen und nationalistischen Deutschen bekommen, so lernte er in Waldbröl die gemüthafte und gemütliche Seite Deutschlands kennen.
Das kühle Klima tut seiner Gesundheit gut. In einem Brief an Frieda nennt er den 2000-Seelen-Ort ein stilles, totes, kleines Dorf, meilenweit von der übrigen Welt, auf eine zahme Art recht hübsch, ein bisschen englisch.
Doch ohne seine Frieda hielt er es nicht mehr hier nicht mehr aus und reiste am 24. Mai wieder ab. In München kam er mit Frieda zusammen und trennte sich nicht mehr von ihr bis zu seinem Tod.