BONN. Premiere beim etwas anderen Bonner Touristik-Verein StattReisen, der seit langem in der Bundesstadt themenbezogene Stadtführungen live anbietet: Zum ersten Mal brachte der Verein einen ausführlichen Stadtführer über die am meisten gefragte Tour heraus - nämlich über die Bonner Südstadt. Der beliebte Stadtteil mit seinen 1640 Häusern wurde bis zum Ersten Weltkrieg als geschlossenes Ensemble errichtet und überstand auch den Zweiten Weltkrieg nahezu unzerstört. Die tief greifendsten Zerstörungen erfolgten erst in der Nachkriegszeit, vornehmlich an der Poppelsdorfer Allee durch die Neubauten des Deutschen Herold und des Hotels Bristol.
Auf 68 Seiten werden nicht nur die einzelnen Häuser entlang des an der Stadtseite der Poppelsdorfer Allee beginnenden und auch endenden Rundgangs erläutert. In zweijähriger Arbeit hat Autor Horst Kreutzmann, der seit langem durch die Südstadt führt, die vorhandenen Materialien neu recherchiert, überprüft und vielfach erweitert.
So wird in kompakter Form die Bevölkerungsentwicklung Bonns zwischen 1794 und 1853 dokumentiert und auch die Baugeschichte der Südstadt geschildert. An den einzelnen Standorten erfährt der Leser beispielsweise an der Poppelsdorfer Allee etwas über die Geschichte der Eisenbahn, über den Historismus als Baustil und das Wirken Friedrich Wilhelm August Argelanders, dessen von Schinkel errichtete Sternwarte ein wenig im Verborgenen liegt.
Anhand der palazzoartigen Fassaden an der Argelanderstraße erläutert Kreutzmann das Interieur der bürgerlichen Gründerzeithäuser mit ihren reich verzierten Stuckdecken, die im Original meist holzimitierende Bemalungen aufwiesen. An der oberen Königstraße erfährt der Leser etwas über die Kaffeerösterei Zuntz Selige Witwe, in der Schlossstraße über den in der Südstadt doch recht seltenen Jugendstil oder in der Weberstraße über das Versorgungshaus für gefallene Mädchen der Pfarrerstochter Berta Lungstras (an der Stelle der heutigen Sparkasse).
Eine besonders typische Südstadtstraße ist die Wilhelm-Levison-Straße, die einen ausgesprochen einheitlichen Gesamteindruck vermittelt - nicht verwunderlich, wurden die meisten Häuser hier doch von ein und demselben Architekten errichtet, der etwa für zwölf Reihenhäuser nur ein einziges Grundriss- und Fassadenschema einreichte. Am Beispiel der Levison-Straße wird auch das in der Südstadt fast durchgängige Prinzip der Dreifensterhäuser mit ihren drei Fensterachsen und den bis zum Garten durchgängigen Zimmerfolgen geschildert.
Der Führer weist auch auf Kuriositäten an manchen Häusern hin, so auf das Eckhaus Königstraße / Poppelsdorfer Allee, auf dessen Giebel sich folgende Inschrift befindet: Mit Gott erbaut nach Schnur und Lot trotz Nachbar und trotz Bauverbot. Offensichtlich hatte sich der Besitzer dieses 1904 errichteten Hauses, ein Schieferbergwerksbesitzer, den Unmut des damaligen Nachbarn zugezogen. Diesem war die schöne Fernsicht auf das Siebengebirge verbaut worden. Stattdessen musste er sich nun von dem nachbarlichen Balustergesichtchen unter dem Fenster die Zunge herausstrecken lassen.
Der Südstadtführer hat 68 Seiten, ist durchgehend in vier Farben gedruckt und ab sofort im Buchhandel und an zahlreichen Stellen in der Bonner Südstadt erhältlich. Der Preis beträgt 9,80 Euro; die ISBN-Nummer lautet 978-3-00-026674-4.