BONN. Auf einer Müllkippe im Essener Stadthafen fand sich quasi der rote Faden für die neue Ausstellung des Bonner Stadtmuseums - das Tagebuch von Anna Kohns. Dies nahmen die Kuratoren zum Anlass, um den Ersten Weltkrieg anhand von Fotos, Illustrationen und Postkarten aus Bonner Sicht nachzuerzählen.
Die Geschichte von Anna Kohns, die 1883 in Poppelsdorf als Tochter eines Glasereimeisters geboren wurde, ist gleichzeitig die Geschichte ihres Ehemanns Eugen und ihres Bruders Jean. Beide müssen im Verlauf des vier Jahre dauernden Krieges an die Front. Die Sorge um die Familie ist groß. Ob er jemals wiederkehrt?, ist am 5. Juni 1917 ein Eintrag zu lesen, nachdem der Verlauf des Krieges Eugen Kohns an die Ostfront ins russische Baranowitschi (heute Weißrussland) zwingt.
Zu diesem Zeitpunkt ist die Meldung von Jeans Tod bereits zwei Jahre alt - in Frankreich sei der einzige Bruder gefallen, teilt die Regierung in einem Brief mit. Mit einem so langen Verlauf des Krieges hatte Anna Kohns nicht gerechnet: . . . schon zwei Monate Krieg . . . wenn alles gut geht, ist in einem Monat alles vorbei, heißt es am 1. Oktober 1914. Der Krieg sollte noch eine Weile dauern.
Von den insgesamt 30 Seiten Tagebuch haben die Kuratoren Yvonne Breuer, Geschichtsstudentin im neunten Semester, und Horst-Pierre Bothien, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Stadtmuseums, etwa ein Drittel in die Ausstellung eingebettet. Dazwischen zeigen Fotos und Dokumente aus der damaligen Zeit die Situation in Bonn; die Quelle war das Stadtarchiv.
Sehr deutlich spürt man auch, wie die Stimmung von Anna Kohns mit den Jahren des Krieges umkippt, so Breuer. Fotos von zugeschneiten Straßen und den Räumlichkeiten der Beethovenhalle, die als Lazarett dienten, dokumentieren die schwierige Situation während des harten Winters 1916 / 17. Am 10. Februar schreibt Kohns über die bereits vier Wochen herrschenden Minustemperaturen - von Essensrationierung und der Ölknappheit. Um einen Gesamteindruck von der Mentalität zu vermitteln, haben wir auch Propagandamaterial mit einfließen lassen, erklärt Breuer. Ein Abbild des Alten Fritz, bekannt für seine gewieften Kriegsmanöver im 18. Jahrhundert, fordert die Bevölkerung auf einem Plakat zum Durchhalten auf. Mit Soldaten bemalte Teller sind in einer Vitrine zu betrachten.
In einem der letzten Einträge im Oktober 1918, Anna Kohns ist mittlerweile 35 Jahre alt, geht es um den einzigen Fliegerangriff, der Bonn während des Ersten Weltkrieges erschütterte. . . . 35 todt, 28 schwer verletzt, steht dort geschrieben. Es sind die letzten Tage des Krieges. Ihr Mann kehrt von der Front zurück - unverletzt. Die Dokumentation hört an dieser Stelle auf, auch wenn die Autorin noch bis 1920 Tagebuch führte; erst skeptisch, mit der Zeit etwas milder von den Besatzern erzählend, wie Breuer erläutert.
Wie das Tagebuch 1977 auf einer Mülldeponie im Essener Hafen landen konnte, ist ungeklärt. Es war aber kurz zuvor aus der Wohnung Anna Kohns mit anderen Dingen entwendet worden. Der Finder des Tagebuches, ein Sammler historischer Dokumente, stellte die Originalfassung dem Bonner Stadtmuseum zur Verfügung.
Das Stadtmuseum in der Franziskanerstraße 9 ist montags von 9.30 bis 14 Uhr, donnerstags bis samstags von 13 bis 18 Uhr und sonntags von 11.30 bis 17 Uhr geöffnet. Die Ausstellung ist bis zum 16. April zu besichtigen. Der Eintritt kostet 2,50 Euro, ermäßigt 1,60 Euro.