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Eine Familie wie eine Wagenburg

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Ein Kameramann filmt in Ellwangen (Ostalbkreis) die Angeklagte Hilde L. (3.v.r.), die ihrer in einem Rollstuhl sitzenden Tochter einen Schal umwickelt. Auch nach zwei Prozesstagen liegt im bundesweit beachteten Fall eines fast verhungerten Mädchens aus Bad Mergentheim (Main-Tauber-Kreis) noch vieles im Dunklen.

ELLWANGEN. Im Prozess um ein fast verhungertes Mädchen aus Bad Mergentheim (Baden-Württemberg) haben die erwachsenen Schwestern ihre angeklagten Eltern vehement verteidigt. Vor dem Landgericht Ellwangen sagten beide, ihre Eltern hätten sich sehr um das Mädchen Erina gesorgt. Doch sei ihre heute 16-jährige Schwester nicht zu überzeugen gewesen, zum Arzt zu gehen. Der Tübinger Psychiater Peter Winckler beschrieb die fünfköpfige Familie als „hochgradig gestörtes System“. Es gebe in dem Fall, in dem die Eltern wegen schwerer Körperverletzung angeklagt sind, einen „großen Bereich des Unfassbaren“.

Die heute gelähmte und fast blinde Erina war im vergangenen November ins Krankenhaus eingewiesen worden. Sie wog noch 21 Kilogramm, Ärzte kämpften tagelang um ihr Leben. Das Gericht versucht zu klären, ob die Eltern ihrem Kind vorsätzlich oder fahrlässig ärztliche Hilfe verweigerten. Die heute 21 und 19 Jahre alten Schwestern sagten aus, Erina sei es zu Hause lange Zeit gut gegangen. „Es ist überhaupt nicht der Eindruck entstanden, dass es diesem Kind schlecht geht“, sagte die 21-Jährige. Dennoch habe in der Familie im November „Verzweiflung“ geherrscht, weil Erina dann auch fast nichts mehr getrunken habe. Die Eltern haben zu den Vorwürfen bislang geschwiegen. Auch die heute 19 und 21 Jahre alten Schwestern magerten im Herbst 2003 erneut ab. „Wir hatten keinen normalen Tagesablauf mehr, wir haben uns nur noch um Erina gekümmert“, sagte die 19 Jahre alte Schwester. Alle drei Schwestern waren Jahre zuvor bereits abgemagert in Krankenhäusern behandelt worden. Die Frage, ob sie unter Essstörungen leiden, verneinten beide Schwestern. Winckler hingegen sagte, er sei zutiefst davon überzeugt, dass alle drei Mädchen an massiven Essstörungen litten.

Warum die Eltern ihre Töchter jahrelang nicht in die Schule geschickt hatten, blieb unbeantwortet. Winckler beschrieb die Familie als „Wagenburg“, die sich nach außen hin immer abgeschottet habe. Vor allem der 59 Jahre alte Vater sei überzeugt davon, dass von der Außenwelt nichts Gutes kommen könne. „Wer nicht für sie war, war gegen sie.“ (dpa)