PALMA DI MONTECHIARO. Viel zu sehen gibt es hier nicht. Große Kunst der Antike oder des Barock findet sich in Palma Di Montechiaro nicht. Touristen fahren in der Regel an der Ortschaft mit ihren rund 25 000 Einwohnern vorbei, weiter ins nahegelegene Agrigent, wo einige der schönsten altgriechischen Tempel des Mittelmeerraums zu besichtigen sind. Und doch hat Palma, wie man das Städtchen auf Sizilien nennt, viel zu bieten. Findet sich hier doch ein Paradox.
Seit Jahren lebt in Palma kein einziger Mafiaboss mehr und doch müssen die Bürger, alle Bürger, den „Pizzo“ zahlen, wie man auf Sizilien das Schutzgeld nennt, das man an den örtlichen Clan zahlen muss, um in Frieden leben zu können. Anna Maria Palma von der Anti-Mafia-Polizei in Palermo ermittelt seit Monaten im Fall von Palma di Montechiaro. Die junge Frau hat tausende von Seiten an Beweismaterial für die Schutzgeldzahlungen sammeln können, doch ohne Anzeigen der Betroffenen kann sie gegen die Kriminellen nicht vorgehen.
Die so genannte „Famiglia dei Pastori“ hat Palma ganz in ihrer Hand. „Nichts funktioniert hier“, so die Kommissarin, „ohne die Erlaubnis der Familie Pastori“. Eine Familie, die mafiös handelt aber nicht als mafiös bezeichnet werden kann.
Nachdem in Palma in den 80er Jahren ein blutiger Krieg verschiedener Mafiabosse gegeneinander für dutzende von Toten sorgte, findet sich in dem Städtchen heute kein einziger Boss mehr. Dafür aber ein Clan der „Stidde“. Die „Stidde“ sind eine neue Form organisierter Kriminalität, die sich in keiner Weise mehr den mafiosen Traditionen der Cosa Nostra verpflichtet fühlt. „Stidde“ sind, so Anna Maria Palma, „Kriminelle wie man sie überall sonst auch findet“. Die traditionelle Mafia erhebt Schutzgeldzahlungen nur von gutsituierten Bürgern und lässt die übrige Bevölkerung in Ruhe. Die Kriminellen der „Stidde“ hingegen setzen sämtliche Bewohner unter Druck. Selbst Schüler und Rentner müssen zahlen, wenn sie keine bösen Überraschungen erleben wollen.
Wie zum Beispiel der Rentner Mariolo C. Die Eingangstür zu seinem kleinen Häuschen wurde in Brand gesteckt, weil er sich geweigert hatte, monatlich 50 Euro an die „Stidde“ zu zahlen. Die Zahlungsaufforderungen werden mit der Post verschickt, wie Telefon- oder Stromrechnungen. Tage später klingeln die Mitarbeiter der Familie Pastori und kassieren die Schutzgelder. Weigert sich jemand sofort zu zahlen, kommt es zu Drohgebärden. Weinreben eines Winzers werden abgesägt und das Auto eines Arztes geht in Flammen auf. „Wir können nichts gegen dieses Verhalten unternehmen“, so die Kommissarin, „weil alle Bürger Angst vor Anschlägen haben“.