BONN. Abschied aus dem Rat: Der frühere Bonner CDU-Vorsitzende Helmut Hergarten geht nicht wirklich freiwillig, sondern beugt sich nach eigenem Bekunden dem Willen seiner Parteifreunde. Denn gegen Hergarten ermittelt die Staatsanwaltschaft derzeit noch im Zusammenhang mit dem Müll-Skandal.
Hergarten, Parteichef seit 1998, hatte in diesem Amt im Kommunalwahljahr 1999 hohe Spenden aus dem Müll-Milieu eingenommen, die der spätere Fraktionschef Reiner Schreiber akquiriert hatte. Im Februar 2003 trat Hergarten vom Parteivorsitz zurück, blieb aber Ratsherr und Aufsichtsratsvorsitzender der Stadtwerke Bonn (SWB). Beim Rundschau-Interview in seinem Wohnzimmer sagt Hergarten, er sehe sich von Schreiber wie viele andere auch missbraucht. Und: Ich habe ihn seit dem Tag seiner Verhaftung nicht mehr gesehen oder mit ihm gesprochen.
Doch bekennt sich der Politiker, anders als andere, zu seiner früheren Nähe zu dem Schwarzen Paten von Bonn, wenn er sagt: Jeder weiß, dass ich ein kollegiales und freundschaftliches Verhältnis zu ihm hatte, und es wäre dumm und töricht, das jetzt in Frage zu stellen. Nachdem die Ermittlungsbehörden Schreibers Wohnung am 8. Mai 2001 im Zusammenhang mit den Heizkraftwerks-Schmiergeldern erstmals durchsucht hatten, habe er ihm noch geglaubt, dass an der Sache nichts dran sei. Hergarten: Für diese Fehleinschätzung habe ich ordentlich gezahlt.
Hergarten - ein Schreiber-Opfer? Oder auch ein Opfer seiner selbst? Es hat den Anschein, dass sich der 53-jährige Jurist manchmal selbst im Wege steht. Der gebürtige Bonner, hauptberuflich seit 1987 Geschäftsführer von Haus und Grund und verheiratetet mit der Frauen-Unions-Vorsitzenden Birgit Gaschina-Hergarten, die er 1981 im Kreisvorstand der Jungen Union kennen gelernt hatte, wird gerühmt für seine Fähigkeit zur kühlen Analyse.
Vielleicht ist er manchmal zu cool. Hergarten steuert selbst eine Anekdote bei: Unmittelbar nach der Verhaftung Schreibers habe ihn der TV-Journalist Jochen Hilgers wegen seiner scheinbaren Gelassenheit gefragt, ob er denn schon alles gewusst habe. Herr Hilgers, Sie unterschätzen mein Pokerface, habe er da geantwortet.
Seinen Rücktritt vom Parteivorsitz verdankt Hergarten, der als politisches Vorbild Konrad Adenauer angibt (Es gibt keinen in der CDU, der das nicht antworten würde), aber auch seinem Verständnis von Wahrheit. Immer mal wieder war er nach der Verhaftung Schreibers im April 2002 gefragt worden, ob die CDU Großspenden empfangen habe, die Schreiber im Milieu der Müllmänner um Hellmut Trienekens angeworben habe.
Noch im Juni 2002 sagte er dazu der Rundschau: Der Fraktionsvorsitzende war nicht als Spendenbeschaffer für die Bonner CDU tätig. Auch heute, wo bekannt ist, dass Schreiber insgesamt 75 000 Mark bei Trienekens und Co beschafft hat, bleibt Helmut Hergarten dabei: Ich habe nicht gelogen - was insofern richtig ist, als dass Schreiber zum Zeitpunkt des Sammelns noch nicht Fraktionsvorsitzender, sondern erst Kandidat war.
Nach der Ratswahl im September 1999 hatte es Schreiber ziemlich eilig, den Teilverkauf des Bonner Müllofens auf den Weg zu bringen. Der entsprechende Ratsantrag, der nach den zwischenzeitlich gewonnenen Erkenntnissen der Strafverfolger vermutlich im Hause Trienekens verfasst wurde, nennt als Antragsteller namentlich Schreiber, Hergarten und den gleichfalls zurückgetretenen früheren Godesberger Bezirksvorsteher Christoph Brüse. Nach einer Hausdurchsuchung sowohl in der CDU-Kreisgeschäftsstelle als auch bei Hergarten zu Hause kam die ganze Spendenwahrheit ans Licht, Hergarten musste gehen.
Fragt man Helmut Hergarten heute nach seinen politischen Zielen und Idealen, lautet die Antwort: Ich bin ein politischer Praktiker. Er sei in der Kommunalpolitik aktiv, weil er seine unmittelbare Umgebung, die Kommune, mit gestalten wolle; den Weg zum hauptamtlichen Mandat habe er nie angestrebt, weil dies mit einem Verlust von Unabhängigkeit verbunden sei. Kommunalpolitik ist meine Leidenschaft.
Ob die Leidenschaft denn auch etwas mit Macht zu tun habe? Wenn Sie etwas verändern und gestalten wollen, brauchen Sie Einfluss. Einfluss und Macht sind im Grunde synonyme Worte, und derjenige, der sagt, er wolle gestalten, er sei aber nicht an Einfluss interessiert, ist dumm und töricht.
Das geht nicht immer ohne Schmerzen ab. Als Helmut Stahl, den er erst als OB-Kandidaten und anschließend als Landtagsabgeordneten durchgesetzt hatte, ihn 2003 öffentlich abwatschte, da war das nicht angenehm, aber: Politik ist kein Mädchenpensionat. Hergarten über sein eigenes Wirken: Ein Parteivorsitzender, der niemandem weh tut, taugt nichts. Ein Zyniker sei er gleichwohl aber nicht: Ich spiele hin und wieder den Zyniker. Da war mir der SPD-Politiker Dr. Walter Bitterberg ein guter Lehrmeister. Aber ich bin kein Zyniker. Wohl habe ich eine Neigung zu Sarkasmus und Ironie.
Wenn Hergarten ab September nicht mehr im Rat sitzt, wird er viel mehr Zeit für andere Interessen haben: Lesen, Videos, Gartenpflege, Freunde. Und er kündigt an: Sie werden mich auf jeder CDU-Mitgliederversammlung sehen. Was Hergarten von der Arbeit seiner Nachfolgerin Dr. Pia Heckes hält? Die Arbeit meiner Nachfolgerin ist sicherlich dadurch geprägt, dass sie nicht nur Parteivorsitzende ist, sondern auch Oberbürgermeister-Kandidatin. Ob sie damit überfordert sei? Hergarten: Ich weiß, was Helmut Stahl und ich mit jeweils der Hälfte der Aufgaben zu tun hatten. Die Konstruktion ist für sie sicher sehr stressreich.