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ErkältungsirrtümerDie Sache mit den Eskimos

6 min

Irrtum 1: Eskimos erkälten sich nicht, weil sie an die Kälte gewöhnt sind.

Selbstverständlich werden auch Eskimos krank - warum aber erkälten sie sich selbst in den entlegensten Dörfern oft erst im Frühjahr? Im Frühjahr kommen mit der Eisschmelze auch wieder fremde Schiffe in die Häfen und mit ihnen jede Menge erkältete Besatzungsmitglieder, die durch Niesen und Husten ihre Erkältungsviren großzügig unter den Eskimos verteilen können. Eine ganz normale Erkältung bekommt man nämlich durch Viren und nicht etwa durch nasse Socken, Zugluft oder zu große Kälte.

Das hat schon Ende der 1940er Jahre Christopher Howard Andrewes, der Leiter der „Common Cold Unit“, des britischen Forschungsinstituts für Erkältungskrankheiten in Wiltshire, mit einer ungewöhnlichen Versuchsreihe belegt. Er schnappte sich ein paar bemitleidenswerte Studenten und teilt sie in drei Gruppen auf. Die erste bekam das Nasensekret eines Erkälteten in die Nase geträufelt. Der zweiten blieb das zwar erspart, dafür musste sie mit nassen Socken im Durchzug umherlaufen und ab und zu auch noch kalt baden. Richtig schlecht hat es aber die dritte Gruppe getroffen, denn sie musste die Torturen beider anderer Gruppen über sich ergehen lassen.

Die Versuche wurden in der Folgezeit wiederholt, kamen aber immer zum gleichen Ergebnis: Eine normale Erkältung zieht man sich allein durch Viren zu, nicht etwa durch frieren, nasse Socken oder Zugluft. Heute geht die Wissenschaft davon aus, dass derartiges Unbill, über einen längeren Zeitraum hinweg ertragen, das Immunsystem beeinträchtigen könnte, vor allem wenn die Durchblutung durch Kälte beeinträchtigt ist. Das würde es den Viren auf Dauer dann doch erleichtern, sich festzusetzen.

Irrtum 2: An alten Taschentüchern kann man sich immer wieder von Neuem anstecken.

Benutzte Taschentücher mögen vielleicht eklig sein, eine neue Erkältung bekommt derjenige, der sie benutzt hat, aber nicht. Das hat wieder mit den Erkältungsviren zu tun, denen wir die Krankheit verdanken. Der Organismus lässt sich den Virenangriff nämlich nicht einfach so gefallen, sondern mobilisiert die körpereigene Abwehr. Das dauert zwar alles ein bisschen, aber nach ein paar Tagen hat das Immunsystem den Kampf gewonnen und ist nun gegen den Virus gefeit, so dass die alten Viren, die noch in den Taschentüchern sitzen, keine Chance mehr haben.

Es gibt allerdings gleich zwei Haken an der Sache: Zum einen kann man sich auch nach durchgestandener Erkältung mit einem anderen der etwa 200 bekannten Erkältungsviren anstecken. Zum anderen können sich natürlich alle anderen, die den Virus bisher noch nicht hatten, sehr wohl an den benutzten Taschentüchern anderer Menschen infizieren - Schmierinfektion nennen Ärzte das. Wissenschaftler der Universität von Virginia (USA) haben herausgefunden, dass Türgriffe, Lichtschalter und andere Gegenstände, die ein Erkrankter anfasst, die Viren noch nach vielen Stunden auf andere Personen übertragen können. Nach einer Stunde sind noch etwa 60 Prozent der Viren angriffsbereit und nach 18 Stunden immerhin noch 33 Prozent, so die Forschungsergebnisse.

Neben der Schmierinfektion gibt es aber auch noch die sogenannte Tröpfcheninfektion: beim Niesen verlassen die Viren die Nase in kleinen Tröpfchen sitzend nahezu in Schallgeschwindigkeit und suchen sich in über drei Metern Entfernung ihre Opfer. Vor allem in der kalten Jahreszeit ist das für sie in den geschlossenen Räumen leicht, in denen wir uns dann ja oft aufhalten. Das ist auch der Grund, warum wir uns vor allem jetzt erkälten.

Irrtum 3: Vitamin C und Antibiotika helfen.

Der Nobelpreisträger Linus Carl Pauling verhalf dem Vitamin C als Erkältungsprophylaxe in den 1960er / 70er Jahren endgültig zum Durchbruch. Heutige Forscher teilen Paulings Begeisterung nicht so recht. Der finnische Mediziner Harri Hemilä von der Universität Helsinki und sein australischer Kollege Robert M. Douglas von der Australischen Nationaluniversität in Canberra haben 55 wissenschaftliche Studien der letzten Jahre ausgewertet, die sich mit der Schutzwirkung von Vitamin C gegenüber Erkältungen befassen, und sind zu dem Schluss gekommen, dass es sich für Otto Normalverbraucher nicht lohnt, entsprechende Präparate aus Vorbeugungsgründen einzunehmen.

Auch Antibiotika wollen bei einer Erkältung nicht wirklich helfen, da sie gegen Viren machtlos sind und nur Bakterien und Protozoen bekämpfen können. Es kommt allerdings vor, dass der Organismus durch eine Vireninfektion so sehr geschwächt ist, dass Bakterien ihre Chance ergreifen und dem Körper ebenfalls noch zusätzlich zusetzen. Hier kann nach Absprache mit dem Arzt eine Antibiotikabehandlung ratsam sein. Einfach so zur Vorbeugung sollte man Antibiotika aber niemals nehmen, da sich bei unsachgemäßem Gebrauch Antibiotikaresistenzen herausbilden können, die ungeahnte Folgen nach sich ziehen.

Irrtum 4: Trockene Heizungsluft verringert die Heilkraft der Nasenschleimhaut.

Im Kampf gegen eine Erkältung ist die Nase unser bester Freund. Sie kann Viren ausniesen und mit dem Nasensekret abtransportieren, beispielsweise ins Taschentuch hinein. Um das möglichst effektiv zu gewährleisten, kurbelt sie die Produktion des Nasensekrets an - und „läuft“. Diese Fähigkeit nimmt aber nicht mit der Luftfeuchtigkeit ab, wie die Wissenschaftler Andersen, Lundquist, Jensen und Proctor schon in den 1970er Jahren herausgefunden haben. In ihren Testreihen setzen sie Versuchspersonen über 78 Stunden lang einer relativen Luftfeuchtigkeit von neun Prozent aus, so wie sie auch in Wüsten vorkommt - für Wohnräume empfohlen werden in der Regel mindestens 30 bis 40 Prozent. Dennoch ist ihren Forschungen nach die Nasenschleimhaut der Probanden in ihrer Funktionstüchtigkeit in keiner Weise beeinträchtigt. Die Nase fühlt sich in gut geheizten Räumen halt trocken an, das ist aber auch schon alles.

Irrtum 5: Fieber, Husten und Schnupfen sind zwar lästig, aber nicht weiter schlimm.

Das kommt drauf an. Viren können je nach Herkunft nur nervige Erkältungen übertragen oder auch die gefährliche echte Grippe (Influenza), mit der nun wirklich nicht zu Spaßen ist. Familienmitglieder der Coronaviridae, der Adenoviridae und der Picornaviridae begnügen sich in der Regel mit dem leichteren grippalen Effekt, der auch als Erkältung bekannt ist. Böser wird es, wenn Influenza-A-, Influenza-B- oder manchmal sogar Influenza-C-Viren Einlass in unseren Körper finden, dann droht die echte Grippe, die sogar tödlich verlaufen kann.

Ist der Organismus erst einmal durch Influenza-Viren geschwächt, haben gefährliche Bakterien ein leichteres Spiel. Bedrohliche Lungenentzündung, Gehirn- und Herzmuskelentzündung und anderes Übel können die Folge sein. Vor allem höheres Fieber, Schüttelfrost, Erbrechen, übermäßiges Husten, Atemnot und Schwindelgefühle etc. dürfen auf keinen Fall ignoriert werden - da kann etwas Gefährliches dahinter stecken.

Wer sich also mehr als nur eine kleine Erkältung eingefangen hat oder sich nicht sicher ist, was ihn da plagt, sollte schleunigst zum Arzt gehen.