Sollen wir mehr Kohlenhydrate essen oder mehr Fett und Eiweiß? Dieser Streit ist unter den Ernährungsexperten in vollem Gange.
Auf der einen Seite: Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) mit ihrem seit Jahren bevorzugten Modell der so genannten Ernährungspyramide. Sie stellt auf ihrer offiziellen Internetseite ausdrücklich fest: "Empfehlenswert ist nach wie vor ein hoher Kohlenhydratverzehr von mindestens 50 Prozent der Nahrungsenergie, überwiegend in Form komplexer Kohlenhydrate, wie zum Beispiel Vollkornbrot, Vollkornnudeln, Vollkornreis, Vollkorn-Getreideflocken, Gemüse, Obst und Kartoffeln." Daraus folgt umgekehrt, den Anteil von Fett (30 Prozent) sowie Eiweiß (20 Prozent) in der Nahrung zu reduzieren.
Falsches Verhältnis der Hauptnahrungsmittel
Es gibt jedoch immer mehr Anzeichen, dass dieses empfohlene Verhältnis der Nährstoffe zumindest überprüft werden muss. Schließlich hat das gängige Modell nicht verhindert, dass ein großer Teil der Deutschen immer dicker wird, und Symptome der Typ II-Diabetes, auch "Altersdiabetes" genannt, schon bei Kindern und Jugendlichen weiter zunehmen. Natürlich gibt es dafür auch andere Gründe wie den steigenden Konsum von Fastfood und zuckerhaltigen Produkten oder Bewegungsmangel. Doch neue Erkenntnisse und Untersuchungen deuten darauf hin, dass das empfohlene Ernährungsmodell der DGE die oben genannten Probleme noch verstärkt.
Ein neues Konzept für Ernährungsverhalten revolutioniert daher das bisher vorgegebene Verhältnis der Hauptnahrungsmittel. Das so genannte LOGI-Modell (Low Glycemic Index-Modell) reduziert den Anteil der Kohlenhydrate auf circa 20 Prozent und bevorzugt neben stärkefreiem Gemüse und Obst insbesondere die Fett- und eiweißhaltigen Nahrungsmittel (Fett-Anteil circa 50 Prozent, Eiweiß circa 30 Prozent). Dieser Ansatz will zum einen den Veränderungen hinsichtlich der Bewegungsarmut in den hoch technisierten Gesellschaften Rechnung tragen. Denn wer sich wenig bewegt, benötigt auch weniger Energie durch schnell verfügbare Kohlenhydrate.
Zum anderen soll eine kohlenhydratarme Ernährung die Gefahr ständig erhöhter Blutzuckerwerte, die letztlich für die Typ II-Diabetes-Erkrankungen mitverantwortlich sind, entscheidend verringern. Denn Kohlenhydrate können dick machen. Für Sportler und aktive Menschen mag das tägliche Vollkorn-Müsli, das Nudel- oder Kartoffel-Gericht und die abendliche Brotzeit notwendig sein. Für den im Büro am Computer sitzenden Menschen, der sich kaum bewegt, gilt dies aber in keinem Fall. Denn bei diesem werden die nicht verbrauchten Kohlenhydrate letztlich als Energiespeicher, also vor allem als Fettgewebe angelagert.
Erfolge bei Diabetes-Patienten
Eine 2006 durchgeführte dreiwöchige Rehabilitationsmaßnahme zum Einfluss von Ernährung und Bewegung auf Typ II-Diabetes-Patienten an der Reha-Klinik Überruh im allgäuschen Isny zeigte verblüffende Ergebnisse: Unter der Leitung von Dr. Peter Heilmeyer wurden 45 Patienten mit einer Kohlenhydrat-reduzierten LOGI-Kost (20-30 Prozent Kohlenhydrate, 20-30 Prozent Eiweiß, 40-50 Prozent Fett) ernährt. Die Therapie beinhaltete außerdem ein Trainingsprogramm mit einem Kalorienmehrverbrauch von etwa 200-400 kcal pro Tag. Nach 18 Tagen konnte die Medikation (Antidiabetika in Tablettenform und Insulin) bei mehr als der Hälfte der Patienten vollständig abgesetzt, bei den übrigen um etwa 50 Prozent reduziert werden.
Der Gesundheitsexperte und Sportwissenschaftler Clifford Opoku-Afari hat ähnliche Erfolge mit seinen Kunden erzielt und kommt zu folgendem Schluss: "Noch immer wird von einem Teil der Experten und Interessenvertreter versucht, diese neuen Erkenntnisse zu verschweigen. Einige Unternehmen, die an der Umsetzung der bisherigen Ernährungspyramide mit einem hohen Anteil an Kohlenhydraten und wenig Fett in der Zusammenstellung der Nahrung ihr Geld verdienten, haben offensichtlich wenig Interesse daran, dass sich das bestehende Modell ändert."
Der niedrige Kohlenhydrat-und hohe Eiweiß-Anteil der LOGI-Methode hat noch weitere Vorteile - insbesondere für Menschen, die abnehmen wollen. Eiweiß macht satt, weil es viel länger im Magen verweilt als Kohlenhydrate. Neu aufkommendes Hungergefühl stellt sich somit nicht schon nach zwei, sondern erst nach drei bis fünf Stunden wieder ein.
Fett fördert Stoffwechsel
Zudem fördert fetthaltige Nahrung nachweislich den Fettstoffwechsel, womit Körperfett weiter abgebaut werden kann, da der Körper nicht auf durch Nahrung zugeführte Kohlenhydrate zurückgreifen kann. Das Gegenteil dessen tritt also ein, was von den meisten Menschen befürchtet wird. Viele Menschen haben sich über Jahre und Jahrzehnte an die Zusammenstellung ihrer Speisen gewöhnt. Diese Gewohnheiten aufzubrechen, ist sicher ein Problem. Ein Argument ist oft zu hören: Ein Essen ohne die Kartoffel- oder Nudelbeilage, also nur aus Fleisch und Gemüse bestehend, das macht doch nicht satt! Wer allerdings schon einmal Fleisch mit Gemüse oder ein Gemüse-Pilz-Omelette gegessen hat, wird feststellen, dass die Kohlenhydrat-Beilage nicht notwendig ist, um satt zu werden. Oft aber macht sich "Enttäuschung" am Tisch nur aus dem Grund breit, weil etwas Gewohntes fehlt.
Cholesterinwerte im grünen Bereich
Ein anderer weit verbreiteter Einwand: Durch den Verzehr von viel Eiweiß- und fetthaltiger Nahrung erhöhen sich angeblich die Cholesterinwerte im Blut, was zu gesundheitsschädigenden Plaquebildungen in den Gefäßen führe. Zum einen ist dieser Zusammenhang wissenschaftlich gar nicht bewiesen und kann sogar aufgrund von neueren Studienergebnissen zu Recht angezweifelt werden. Andererseits ist gerade das LOGI-Ernährungsmodell dazu geeignet, den Abbau von überschüssigem Cholesterin durch geeignete Nahrungsmittel sogar zu fördern. Als Beispiel könnte man Omega-3-Fettsäuren nennen, die vor allem in Walnussöl, Nüssen und Seefischen enthalten sind.
Auf eine Sache sollte jedoch hingewiesen werden, die aber in der LOGI-Methode ausdrücklich vorgesehen ist: Wer viel eiweißhaltige Nahrung zu sich nimmt, sollte aufgrund der sauren Wirkung der Eiweiß-Verstoffwechselung viel Obst und Gemüse essen, die sehr basische Wirkung haben und somit den Säure-Base-Haushalt wieder ins Gleichgewicht bringen.
Von all diesen Überlegungen will die DGE indessen nichts wissen: "Die Ratschläge hinsichtlich einer Kohlenhydrat-armen Ernährung sind häufig wissenschaftlich nicht abgesichert und damit besteht kein Anlass für veränderte Nährstoffempfehlungen", ist auf ihrer Internetseite zu lesen. Testreihen in den USA bestätigen jedoch die neuen Erkenntnisse und kommen zu dem Schluss, dass der hohe Kohlenhydrat-Anteil in unserer Ernährung auf den Prüfstand gehört, um den neuen Zivilisationskrankheiten entgegenzutreten.
