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ErziehungBloß nicht heile Welt spielen

3 min

Glückliche Kinder - Eine gute Erziehung gehört dazu (Bild: dpa)

„Komm, ich mache dir schnell noch die Jacke zu“, sagt die Mutter zärtlich im Flur zu Nele - ohne, dass die Fünfährige auch nur einen Versuch unternommen hätte, den Reißverschluss selbst zu schließen. Eine Alltagsszene - im Graubereich zwischen liebevoller Zuwendung und Verwöhnung. Doch wo hört das eine auf, wo fängt das andere an?

Doch das Materielle ist nur ein Aspekt. „Von Verwöhnen kann man auch sprechen, wenn Eltern zu viel behüten und ihren Kindern nichts zutrauen“, sagt Frauke Worbs vom Kreisverband Stormarn (Schleswig-Holstein) des Deutschen Kinderschutzbundes. Der Psychotherapeut und Erziehungsberater Jürgen Detering in Bremervörde definiert weiter: „Kinder werden auch dann verwöhnt, wenn sie Lebensaufgaben, die sie eigentlich lösen könnten, nicht bewältigen müssen.“ Wenn Mama und Papa ihnen das Leben also so organisieren, dass sie selbst wenig zum Gelingen des Alltags beitragen müssen.

Genau das aber passiert nach Ansicht von Erziehungsexperten häufig. „Kindern wird heute zu viel abgenommen“, sagt Trudi Kühn in Düsseldorf, Mitherausgeberin und Trainerin des STEP-Elternprogramms. Aus ihren Kursen weiß sie, dass sich fast alle Eltern selbstständige, verantwortungsvolle und selbstbewusste Kinder wünschen. „Mütter und Väter sollten sich in ihrem Alltag deshalb immer fragen: Erreiche ich diese Ziele mit meiner Erziehung?“ So sei es eben nicht förderlich, dem Kind immer die vergessene Sporttasche hinterherzutragen.

Der Alltag ist voll von Situationen, die Eltern dazu verleiten, Dinge „mal schnell zu regeln“. Gerade Momente unter hohem Zeitdruck - zum Beispiel morgens - stellen eine häufige Falle dar: den Pullover überziehen, das Brot schmieren, die Schuhe schnüren. „Wir müssen den Kindern mehr Zeit lassen, Dinge selber zu machen und sie gegebenenfalls auch langsamer zu machen“, rät Detering.

Die möglichen Folgen für die Kinder halten die Erziehungsfachleute für bedenklich. „Verwöhnung ist entwicklungsfeindlich, weil sie Kinder nicht trainiert, für den Alltag und das Leben wichtige Dinge zu erlernen“, sagt der Therapeut Detering. „Denken Sie daran, wie stolz kleine Kinder sind, wenn sie etwas selbst machen. Diesen Stolz gilt es zu wecken und zu fördern“, sagt er.

Für Eltern bedeutet dies aber, dass sie loslassen und ihren Kindern die Möglichkeit geben müssen, aus Konsequenzen zu lernen. Trudi Kühn beobachtet immer wieder eine typische Reaktion von Eltern, etwa wenn das Kind ein Glas umgestoßen hat: „Sie schimpfen, wischen den Saft dann aber selber auf.“ Besser sei es, den Nachwuchs zu bitten, sich einen Lappen zu holen und das Unglück zu beseitigen. „So lernen Kinder gleichzeitig, dass sie einen Fehler auch wieder beheben können.“ Damit erlebten sich Kinder als selbstwirksam - und das wiederum stärke das Selbstbewusstsein.

Nicht genug verwöhnen kann man Kinder allerdings mit Zeit und emotionaler Zuwendung. Davon vertragen sie nämlich ganz viel.