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Familienstress„Eltern brauchen mehr innere Ruhe”

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Fünf Tage Ruhe im Jahr könnten schon reichen, um den Stress in der Familie aufzuheben. (Bild: Bastian Bartsch - Fotolia)

Michael Winterhoff ist Autor und Kinder- und Jugendpsychiater in Bonn. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder. Mit ihm sprach Claudia Lehnen.

Herr Winterhoff, Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Eltern heute ihre innere Ruhe verloren haben. Haben Kinder überhaupt noch Platz in unserem stressigen Leben?

WINTERHOFF Natürlich. Allerdings begegnen mir immer mehr Menschen, die ständig unter Strom stehen. Und das ist fatal. Denn dieser Ruheverlust wirkt sich direkt auf die Entwicklung unserer Kinder aus. Je kleiner Kinder sind, desto mehr sind sie darauf angewiesen, dass der Erwachsene in sich ruht. Wenn ein Kind Eltern erlebt, die hochgedreht sind, dann kann sich seine Psyche emotional nicht entwickeln.

Sollten gestresste Menschen dann lieber auf Kinder verzichten?Winterhoff Nein. Es geht um die Frage, warum man hochgedreht ist.Zu viel Arbeit, zu viel Stress in der Familie?

WINTERHOFF Das stimmt eben nicht. Theoretisch ist unsere Psyche so angelegt, dass sie mit allem zurechtkommen kann. Auch drei Monate Stromausfall würden wir wegstecken. Womit wir schwer zurechtkommen, ist die digitale Zeit.

Wie meinen Sie das?

WINTERHOFF 1990 war ich telefonisch nicht erreichbar, wenn ich nicht im Raum war. Der Arbeitsplatz war sicher. Die Renten auch. Heute sind wir permanent erreichbar. Unsere Jobs sind unsicher geworden. Die Renten auch.

Damit kommt unsere Psyche schlechter zurecht als mit dem Stromausfall?

WINTERHOFF Damit kommt unsere Psyche eigentlich zurecht. Dazu kommen aber die ständigen Katastrophennachrichten. Im Fernsehen sind wir bei allen Katastrophen in der Welt live dabei. Halbstündlich. Auf allen Kanälen. Für unsere Psyche bedeutet das: Wir sind mittendrin. Die Psyche stellt sich um auf Katastrophe.

Und das bekommt Kindern nicht?

WINTERHOFF Nein. Wir versuchen nur noch zu retten, was zu retten ist. Der Hebel steht auf Katastrophe. Auch das Kinderleben gerät dann in den Katastrophenmodus.

Und der ist schlimmer als die wahren Katastrophen, die beispielsweise Kriegskinder mitmachen?

WINTERHOFF Der Unterschied ist: Die Kriegsgeneration musste ja auch um das Überleben kämpfen. Wir müssen aber eigentlich gar nicht handeln. Deshalb weichen wir aus auf Pseudobeschäftigung.

Wie stelle ich den Hebel um?

WINTERHOFF Das Beste wäre, Sie würden sich auf fünf Tage Kloster einlassen. Kein Handy, kein Fernseher, kein Radio, keine Zeitung, kein Buch. Fünf Tage sind Sie auf sich gestellt. Danach ist der Hebel im Normalmodus.

Schon mal ausprobiert?

WINTERHOFF Ja. Ich war mitten drin im Hamsterrad. Ich bin ins Kloster gegangen. Sechs Tage schweigen. Danach war ich wieder souverän und in mir ruhend. Ich hatte weiter Stress. Aber der hat mich nicht mehr so tief erreicht.

Eine Auszeit im Jahr reicht, um mich wieder zu erden?

WINTERHOFF Absolut. Für einen Menschen im Katastrophenmodus allerdings nicht vorstellbar. Der wird sagen: Keine Zeit! Ich muss mich um Arbeit, Kinder, Partner kümmern. Eine Psyche im Katastrophenmodus will aus dem Katastrophenmodus nicht mehr raus.

Meine schon. Aber ich werde extrem nervös, wenn ich mein Handy zu Hause vergessen habe.

WINTERHOFF Katastrophenmodus! Genau! Wir sind unfrei geworden. Wir können uns selbst nicht aushalten. Aber wenn Ihnen die Klosternummer zu hart ist, dann können Sie auch fünf Stunden in den Wald gehen. Alleine, Handy abgeschaltet, Sie joggen nicht, Sie fahren nicht Rad, Sie wandern nicht zu einer Burg. Einfach gehen. Sie brauchen vier bis fünf Stunden. Sie werden zwei bis drei Stunden in Gedanken rotieren, unter Druck sein, dann erreichen Sie aber ein Plateau der inneren Ruhe. Sie sind wieder Sie selbst.

Kommt das Kind mit in den Wald?

WINTERHOFF Nein. Sie gehen allein. Aber die Ruhe, die Sie mitbringen, verändert die Beziehung.

Jede Woche vier Stunden in den Wald. So viel Zeit habe ich nicht.

WINTERHOFF Sie müssen nicht jede Woche in den Wald. Einmal reicht! Es geht nur um den Einstieg. Sie müssen Ihre Psyche längere Zeit einem konträren Zustand aussetzen. Dann sind Sie wieder in der Intuition. Sie wissen, wie Sie mit Ihrem Kind umgehen müssen. Danach reichen kurze Auszeiten.

Woran erkenne ich, dass ich mein Kind stresse?

WINTERHOFF Das erkennen Sie gar nicht, wenn Sie im Katastrophenmodus sind. Sie rasen durch den Tag. Sie rasen auf das Lebensende zu.

Aber Sie sehen, dass die Kinder überfordert sind?

WINTERHOFF Ja. Die Auswirkungen sind eklatant. Die Kinder sind nicht in der Lage, Zusammenhänge zu erkennen. Sie können nicht aus Konflikten lernen. Sich nicht in andere einfühlen. Sie haben kein Unrechtsbewusstsein. Viele haben kein Gefühl für fremdes Eigentum. Und die Kinder kommen aus intakten Familien, nicht aus dem Brennpunkt.

Und an all dem ist der Stress der Eltern schuld?

Winterhoff Ja. Voraussetzung für die Bildung der emotionalen Psyche ist, dass ich in mir ruhe. Erleben das Kinder nicht, kann ihre emotionale Entwicklung über Jahre hinweg auf dem Stand eines Einjährigen bleiben.

Wollen Sie sagen: Kinder von gestressten Eltern sind gestört?

WINTERHOFF Nein, das will ich wirklich nicht. Aber Kinder von Eltern im Katastrophenmodus sind in Gefahr, nicht beziehungsfähig zu werden.

Das klingt mir zu dramatisch.

WINTERHOFF Ist es gar nicht. Denn es ist behebbar. Sobald die Eltern aus dem Stress raus sind, verbessert sich die Beziehung.

Ich habe den Verdacht, Sie wollen die Zeit zurück, in der die Mütter nicht arbeiteten und sich ganz um die Psyche der Kinder kümmerten.

WINTERHOFF Nein, nein. Das will ich sicher nicht. Es ist auch nicht entscheidend, wie viel Zeit Sie mit dem Kind verbringen. Es geht nur darum, dass Sie in der Zeit, in der Sie sich mit Ihrem Kind beschäftigen, ganz mit Ihrem Kind beschäftigen. Innere Ruhe ausstrahlen.

Michael Winterhoff: „Lasst Kinder wieder Kinder sein! Oder: Die Rückkehr zur Intuition“, Gütersloher Verlagshaus, 205 Seiten, 19,99 Euro.