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FilmgeschichteLawrence von Arabien - Die Legende lebt

3 min

Ein Portrait von Lawrence von Arabien. (Bild: dpa)

Was für ein Schuss! Kaum eine Filmszene hat so für Furore gesorgt wie die am Mastura Brunnen. Lawrence und sein „Bedou“-Führer Tara machen Rast und stillen ihren Durst. Argwöhnisch sucht der Mann vom Stamme der Beni Salem den Horizont ab, bis in der Ferne, aus einer Luftspiegelung, erst unmerklich, dann in sich vage abzeichnenden Konturen ein Reiter wächst. Und dann ist es auch schon zu spät für den zu seinem Revolver eilenden Tara - aus der Ferne trifft ihn der tödliche Schuss.

Aber der Ausdruck des Erstaunens „Wow, what a shot!“ galt nicht der Leistung des Schützen Ali bin al Karis (Omar Sharif), sondern der Kamera von Freddie Young. Mit einer einzigen Einstellung, aufgenommen durch ein eigens aus Hollywood mitgebrachtes Objektiv, hatte Young den Ritt aus dem Ungefähren aufgenommen.

Genau an diesem Schuss scheiden sich die Geister. Für die einen ist David Leans „Lawrence von Arabien“ ein großartiger Film mit einer grandiosen Optik. Für andere, beispielsweise für A. W. Lawrence ist der Film „vom Anfang bis zum Ende, in beinahe jeder Szene, eine Fiktion“. Er zeichne ein völlig falsches Bild von seinem Bruder und von den historischen Ereignissen der „Arabischen Revolte“, und er präge damit bis heute ein höchst problematisches Geschichtsbild. In den arabischen Ländern wurde der Film deshalb nicht aufgeführt.

Der Orient-Experte Anthony Nutting, ein Berater des Films, bat David Lean, gerade die Szene am Mastura-Brunnen wegzulassen. Denn tatsächlich hätte der eine Beduine den anderen Beduinen nicht erschossen: Das Trinken aus fremden Brunnen ist unter den Stämmen friedlich geregelt. Für das arabische Publikum war das ein Affront, so wie viele andere Szenen voller Klischees von wilden, unzivilisierten Arabern. Tatsächlich nimmt sich das Drehbuch viele Freiheiten in Chronologie und Geographie. Prinz Feisals Lager wurde nie von türkischen Flugzeugen angegriffen. Und zwischen dem Lager und Akaba lag auch nicht der „Glutofen der Sonne“, die Nefud-Wüste. Lawrence erreichte Akaba auf ausgetretenen Pfaden.

Die von T. E. Lawrence in den „Sieben Säulen der Weisheit“ beschriebene Folterszene in Dera sei höchst unwahrscheinlich, so der Lawrence-Biograf Peter Thorau. Der türkische Kommandant, der Lawrence angeblich vergewaltigte, hatte tatsächlich einen Ruf als Frauenheld. Zudem beschreibt Lawrence die Vorgänge in seinem Buch als eine Kreuzigungsszene, mit der er sich selbst als aufopfernden Erlöser der Araber stilisiert.

Im Film ist Dera der Wendepunkt: Lean interessierte die komplexe Psychologie eines Helden, der im ersten Teil positiv aufgebaut und im zweiten Teil fragwürdig erscheinen sollte; ein Mann, der in beiden Welten leben will, aber zunehmend den Realitätssinn verliert. Der britische Bühnenautor Robert Bolt zeichnet ihn als disparaten Charakter mit sado-masochistischen und homoerotischen Zügen. Der zweite Drehbuchautor, der Amerikaner Michael Wilson, war überzeugter Pazifist. Im Krieg gibt es keinen Sieg und keine Helden, das war seine Aussageintention. Auch wenn der Film den britischen Chauvinismus kritisiert, so rechtfertigt er am Ende doch unwillkürlich das Mandat der Europäer über die angeblich unorganisierten Stämme.

„Wir brauchen ein Wunder“, sagt Fürst Feisal (Alec Guiness) - tatsächlich brauchten sie Lawrence nicht für ihr Wunder der Befreiung. Die erste arabische Regierung in Damaskus scheiterte nicht wie im Film an der Unfähigkeit der Wüstenbewohner, Wasser und Stromversorgung herzustellen, sondern am Widerstand der Franzosen und Syrer.

Gewiss, „Lawrence von Arabien“ ist ein Kinofilm. Doch viele Zuschauer mögen glauben, wirklich „Geschichte“ zu sehen, weil hier historische Persönlichkeiten agieren. Doch mit den tatsächlichen Personen T. E. Lawrence, General Allenby, Emir Feisal oder Auda Abu Tayi haben die Filmfiguren kaum etwas gemein. Es sind Fiktionen.