JERSEY - „Und warum wollen Sie bei uns ein Konto eröffnen?“ Die Empfangsdame bei der NatWest-Bank am Library Place hat wunderschöne goldgrüne Augen, aber die schauen mich jetzt sehr skeptisch an. Naja, um Kapital sicher anzulegen, antworte ich. „Leben Sie in Jersey oder arbeiten Sie hier?“, will sie wissen. Leider nicht, lächele ich sie an, ich komme aus Deutschland, doch aller Charme nützt nichts. „Dann können wir Ihnen nicht helfen“, sagt sie spitz, „Sie brauchen einen triftigen Grund zur Kontoeröffnung.“ Aber, wende ich ein, hier in Jersey sind schätzungsweise 700 Milliarden Euro geparkt, und die stammen sicherlich nicht nur von der einheimischen Bevölkerung. Das würde ja bei 90 000 Jerseyern bedeuten, dass jeder von ihnen ein 7,7-facher Millionär wäre. Die Dame seufzt und greift zum Telefon.
Fünf Minuten später bin ich auf dem Weg zur Kontoeröffnung. Die Empfangsdame fand heraus: NatWest konzentriert sich zwar auf Ortsansässige. Aber dafür bedient die Muttergesellschaft Royal Bank of Scotland (RBS) gerne ausländische Kunden. Ein Konto ist schnell eröffnet. Man braucht einen Reisepass, einen Adressnachweis, die Gasrechnung zum Beispiel, und für die Eröffnung eines Sparkontos eine Mindesteinlage von 25 000 Euro, erläutert „RBS-Relationship Manager" Natasha. Gar nicht so schwer, sein Geld nach Jersey zu schaffen.
Die Identität der Kunden wird weitgehend geschützt. Ausländer zahlen keine Abgaben. „Bei der Zinsbesteuerung allerdings“, sagt mir Natasha, „folgen wir der EU-Direktive. Sie müssen sich entscheiden. Entweder Sie zahlen 20 Prozent auf Zinseinkünfte, das wäre der Regelfall und Sie bleiben anonym. Oder Sie erlauben uns, Ihre Daten an das deutsche Finanzamt weiterzuleiten.“ Und es gäbe vielleicht noch eine dritte Option, verrät mir Natasha: „Wenn Sie denken, dass Sie aus irgendwelchen Gründen dieser Steuer nicht unterliegen und Ihr Steuerberater uns das schriftlich versichert, dann werden wir keine Informationen über Sie herausgeben.“
„Jersey ist keine Steueroase“, meint indes Martin de Forest-Brown, der Direktor von Jerseys Behörde „International Finance“. Man sei ein Offshore-Finanzzentrum. Selbst IWF und OECD hätten nichts an den Praktiken auszusetzen.
Und Stuart Syvret, ein ehemaliger Sozialminister und Senator im Inselparlament, befürchtet, dass die Finanzindustrie Jerseys Untergang sein könnte: „Wenn das Geld von der Insel verschwindet, und das wird unvermeidlich sein, werden wir einen Kollaps von katastrophalen Dimensionen erleben.“
