Endlich Urlaub. Schluss mit dem Arbeitsstress. Doch längst nicht alle nutzen ihre freien Tage zum Ausspannen. Es gibt ehrenamtliche Helfer, die selbst in ihrem Urlaub nur eines kennen: Arbeit. Die Rundschau stellt in loser Folge einige von ihnen vor.
HÜRTH. Sieben Uhr morgens auf dem Hof der Bodelschwinghschule in Hürth. Es sind Sommerferien. Eine himmlische Ruhe liegt über dem Areal. Voller Elan macht sich Jürgen Gerke an die Arbeit, lädt Brötchen, Teilchen, Milch, Saft, Becher, Wasser und Süßigkeiten aus seinem voll bepackten Auto. Jürgen Gerke hat es nicht eilig. Er lässt sich Zeit, witzelt herum und wechselt auch noch einige nette Worte mit seinem Team. Alles geht hier Hand in Hand. Keiner lässt den Anderen hängen. Diese Verlässlichkeit im Team ist wichtig im ehrenamtlichen Ferienjob von Jürgen Gerke. Denn in weniger als einer Stunde wird es mit der Ruhe vorbei sein.
Punkt acht Uhr beginnt das Ferienprogramm des Deutschen Roten Kreuzes. 97 Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren werden dann den Schulhof und die Räume im Erdgeschoss in Beschlag nehmen, werden sich kennen lernen und gemeinsam essen.
Seit zwei Jahren leitet Jürgen Gerke die Ferienfreizeit des DRK in Hürth, zusammen mit zehn weiteren ehrenamtlichen Helfern.
„Geld verdiene ich im Berufsleben genug“, begründet Gerke sein freiwilliges Engagement in den Sommerferien. Vom Badeurlaub an überfüllten Stränden hält der 60-Jährige ohnehin nichts. Dabei würde ihm jeder, der ihn kennt, die Erholung am Meer in der Sonne gönnen.
Bevor Gerke nach Hürth kam, war er Strafrichter im Amtsgericht Hameln, danach am Landgericht in Hannover. Jetzt arbeitet er als Dozent an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung, Abteilung Polizei, in Köln. Nebenberuflich ist er Dozent an der Deutschen Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer. Ehrenamtlich arbeitet er als Schiedsmann in Hürth, wo er schon so manche Nachbarschaftsstreitigkeit schlichten konnte. Beim DRK ist er als ausgebildeter Rettungshelfer aktiv.
Als Professor für Straf- und Verwaltungsrecht hat er zwei Lehrbücher geschrieben, die er aufgrund der sich öfter mal ändernden Gesetzeslage immer wieder auf den neuesten Stand bringt. Außerdem ist Jürgen Gerke allein erziehender Vater von zwei Kindern. Mit ihnen genießt er den Resturlaub. „Dann wird auch mal länger geschlafen und auf der Terrasse ausgiebig gefrühstückt“, schwärmt er.
Sein Arbeitstag beginnt in der Regel um 5.30 Uhr. Dann schnürt sich der Professor die Sportschuhe an und läuft Richtung Grüngürtel, um sich dort bei einem Feld-, Wald- und Wiesenlauf auf seinen nächsten Marathonlauf vorzubereiten. Auch während der DRK-Ferienfreizeit verzichtet er nicht auf diese für ihn sportliche Entspannung. Schließlich will er im Oktober zum vierten Mal beim KölnMarathon an den Start gehen.
Die Kinder von
der Glotze wegholen
„Die Ferienfreizeit in Hürth ist für mich eine Art Aktivurlaub“, sagt er. Schon zehn Jahre arbeite er im Team, „und bereut hab ich es bis jetzt nicht“ - auch wenn er täglich alleine 122 Liter Wasser und andere Getränke anschleppt, 100 Teilchen und mindestens ebenso viele Milchbrötchen einkauft. Kein Tag vergeht ohne Streitschlichten, Pflasterkleben, Geschrei und Tränen.
Doch die positiven Aspekte überwiegen für ihn: daran teilzuhaben, dass die Kinder nicht gelangweilt in den Ferien vor der Glotze sitzen. Dass sie lernen, ihre Freizeit positiv zu gestalten und soziale Kompetenzen entwickeln. Der Lohn solcher Arbeit ist nicht Geld, sondern müde, aber glückliche Kinder, die abends zufrieden lächeln, wenn sie von ihren Eltern abgeholt werden.