Abo

Gemeinsames LernenMathis erlebt die Schule

4 min

Mathis freut sich auf seinen ersten Tag in der Grundschule Mainzer Straße.

Köln – Die Schultüte ist gepackt. Gelbes Krepppapier deckt sie ab, und Kordeln baumeln vom roten Karton herab. Darin befinden sich extra dicke Buntstifte, die Mathis gut greifen kann, und eine speziell geformte Gabel fürs Mittagessen. Der Sechsjährige hat am Donnerstag seinen ersten Schultag, wie bei jedem i-Dötzchen ein ganz besonderer Tag. Bei Mathis noch ein bisschen mehr.

Der Junge mit den kurzen, dunklen Haaren ist geistig und körperlich schwer behindert. Und dass er die katholische Grundschule Mainzer Straße besuchen kann, eine Regelschule also, das hat für seine Mutter noch immer etwas von einem Traum. „Eine Schule, die jedes Kind aus der Nachbarschaft willkommen heißt, unabhängig von seiner Beschaffenheit“, das sei immer ihre Idealvorstellung gewesen , sagt Judith Levold.

Mathis hat drei Tage nach der Geburt einen Hirninfarkt erlitten. Seine rechte Gehirnhälfte wurde dabei fast vollständig zerstört, und seine Eltern haben sein erstes Lebensjahr mit ihm in der Klinik verbracht. Er ist seitdem auf den Rollstuhl angewiesen und bekommt immer wieder epileptische Anfälle. „Er ist so eine lebendiger, lebenslustiger Kerl“, sagt seine Mutter, „das ist sein großes Plus.“

Inklusion, die Integration auch behinderter Kinder, ist eines der großen Bildungsthemen derzeit. Erst im Dezember hat das NRW-Schulministerium - einer UN-Konvention folgend - den Erlass verabschiedet, nach dem Kinder mit Handicap jede Regelschule besuchen können sollen. Grundsätzlich.

Inklusionshelfer begleitet jungen Schüler

Judith Levold und ihr Mann haben das lange gar nicht vorgehabt. Mathis hat einen integrativen Kindergarten besucht, und als der Brief vom Schulamt mit den Anmeldefristen kam, wurde ihnen erst einmal flau ums Herz. Sie fuhren zur Förderschule für körperlich Behinderte nach Lövenich, zur integrativen Ernst-Moritz-Arndt-Schule nach Rodenkirchen, sie sprachen mit Therapeuten und Beratern. Und als sie mit Mathis zur Untersuchung beim schulmedizinischen Dienst waren, sagte die Ärztin: „Integration funktioniert nur, solange die noch mit Puppen spielen. Danach werden Behinderte nur gemobbt.“

Eines Morgens sei sie wach geworden, erzählt die WDR-Journalistin aus der Südstadt, und habe gedacht: „Jetzt melden wir ihn einfach an der Mainzer Straße an.“ Die Idee war aus dem Gefühl geboren, dass Mathis auf der einen Schule nicht gewollt war und die anderen nicht die richtigen für ihn waren. Oder war Mathis für die Schulen nicht der Richtige? Es war auch Frust dabei, aber „ich hätte nicht gedacht, dass das an der Mainzer Straße möglich ist. Die Schulleiterin sagte: Wir machen das.“

Mathis kann nicht sprechen, nicht mehr, denn nach heftigen epileptischen Anfällen fängt er gerade wieder an zu lautieren. Er kann nicht selbstständig laufen, wird in der Schule einen Spezialsitz mit Gurt bekommen und braucht Hilfe beim Essen. In seiner Klasse, zu der auch ein autistisches Kind zählen wird, soll ein Inklusionshelfer ständig bei ihm sein. „Der muss ihm beim Gehen helfen, beim Malen unterstützen, ihn einfach auf Trab halten“, sagt die 44-Jährige. „Aber vor allem muss er ihn richtig mögen.“ Das Problem: Es gibt ihn noch nicht.

Denn die Stadt kann derzeit gar nicht so viele Schulhelfer zur Verfügung stellen, wie notwendig wären. 60 Integrationshelfer sind bereits an Regel- und Förderschulen im Einsatz. Die gleiche Zahl ist in diesem Jahr neu beantragt worden - ein sprunghafter Anstieg. „Es ist ein ganz anderes Bewusstsein der Eltern da“, sagt Carolin Herrmann vom Sozialamt. Allein in ihrem Amt gingen über 50 Anträge ein, von denen die Hälfte bewilligt ist. Etwa zehn Inklusionshelfer können pünktlich zum neuen Schuljahr ihren Dienst beginnen. „Wir suchen händeringend Helfer“, sagt Herrmann. Es fehlten Zivildienstleistende, und Pflegekräfte seien eben auch knapp. Viele Anträge seien zudem deutlich zu spät gestellt worden.

„Wir schauen von Tag zu Tag“

„So viele Anfragen wie dieses Jahr hatten wir noch nie“, sagt auch Andre vom Orde von „Wir für Pänz“. Der Verein kümmert sich seit 20 Jahren um Menschen mit Behinderung, unter anderem mit der Bereitstellung von „Heil- und Erziehungspflegern“. Die Hälfte der 40 Anfragen habe man gleich abgesagt.

Levold sagt, die Stadt habe sich einfach zu spät gekümmert. Der Anstieg sei doch erwartbar gewesen. Also werden sie und ihr Mann Mathis erst einmal selbst begleiten. Vielleicht springen auch Oma und Opa ein, „wir schauen einfach von Tag zu Tag“.

Mathis wird seine Therapie in der Schule absolvieren: Logopädie, Ergotherapie und körperliches Training an der Sprossenwand oder auf einem Sitzball. Er wird allerhand Geräte in der Schule haben, alles mühsam beantragt und letztlich finanziert aus der „Inklusionspauschale“, die jedem behinderten Kind zusteht.

Die Mainzer Straße hat er schon im Frühjahr einmal die Woche besucht. Zum Gewöhnen, wie alle Vorschulkinder, die heute hier anfangen. „Die Kinder sind spitze“, sagt Judith Levold. Er habe da einfach dazugehört, darum gehe es doch. Natürlich solle er auch lernen in der Grundschule, aber vielleicht andere Dinge als die andern Kinder. „Lernen heißt doch, seine Kompetenzen zu erweitern.“ Und Wünsche? „Ich hoffe, dass er laufen lernt. Und dass er von den anderen Kindern getragen wird.“