Der Mensch wächst und wächst. Die alten Ritterrüstungen des Mittelalters reichten soeben für heutige Kinderkonfektionen, und noch vor 100 Jahren betrug die durchschnittliche Körpergröße deutscher Rekruten gerade einmal 1,64 Meter. Mittlerweile kommt der Bundeswehr-Anfänger auf 1,78 - und jeder Dritte überragt sogar das preußische Gardemaß von 1,80 Metern.
Übrigens: Die eigentlichen Giganten der Menschheit stammen nicht - wie viele glauben - aus wohhabenden Gegenden. Bis zum Jahre 1998 kam der größte Mann mit 2,31 Körpergröße aus Pakistan, abgelöst wurde er von einem Riesen aus St. Petersburg, und der aktuell größte Mensch stammt mit seinen 2,44 Metern aus Algerien.
Wie überhaupt schwer zu sagen ist, welche Faktoren letzte Endes über unsere Körpergröße entscheiden. Denn Wachstum ist ein hochkomplizierter Prozess, an dem sämtliche Körpersysteme beteiligt sind. Nicht nur, dass die Zahl der Zellen durch Teilung ständig erhöht wird, auch die Zellen selbst und die nicht an Zellen gebundenen Substanzen, wie etwa die Knochen, nehmen deutlich an Umfang zu.
Bis jedoch ein Mensch seine Endgröße erreicht hat, muss er diverse Wachstumsschwankungen erdulden. Im ersten Lebenshalbjahr legt er ungefähr 16 Zentimeter an Länge zu, das Gewicht verdoppelt sich. Die amerikanische Medizinerin Michelle Lampl beobachtete in ihren Studien ein männliches Baby, das in einem zweiwöchigen Abschnitt täglich um etwa mindestens 0,6 Zentimeter an Länge zulegte, an einem Tag wuchs es sogar um 1,4 Zentimeter - und der Junge neigte später keineswegs zum Riesenwuchs.
Ab dem zweiten Lebensjahr bis zum Beginn der Pubertät geht es dann mit sechs Zentimetern pro Jahr gemächlicher voran, um schließlich bei den Mädchen zwischen 11 und 16 und bei den Jungen zwischen 13 und 19 noch einmal an Tempo zuzulegen. Die etwas längere Pubertätswachstumsphase beim Jungen ist der Hauptgrund, warum sie später als Männer in der Regel größer sind als Frauen.
Auch wenn Wachstum ein natürlicher Prozess ist - es kann weh tun. Zehn bis zwanzig Prozent der Kinder klagen über unerklärliche und diffuse Schmerzen, vor allem an den Knien: den Wachstumsschmerz. Vor einige Jahren wurde er von vielen Ärzten ignoriert, mittlerweile ist anerkannt, dass die Temposchwankungen im Größerwerden den Sehnen- und Muskelapparat enorm belasten können. Nichtsdestoweniger sollte man die Diagnose „Wachstumsschmerz“ nicht zu voreilig stellen. Denn letzten Endes könne, wie der Aachener Orthopäde Klaus Birnbaum betont, nur eine Differentialdiagnose per Röntgen- und Blutbefund abklären, ob die Beschwerden vielleicht nicht durch Rheuma oder sogar einen Knochentumor ausgelöst wurden. „Das Wachsen der Kinder kann weh tun“, so Birnbaum, „doch eine Fehldiagnose noch mehr.“
Der Wachstumsschmerz kommt vor allem nachts. Warum das so ist, erklärt eine aktuelle Studie der Universität Madison, USA. Dort befestigte man an den Beinknochen von Lämmern spezielle Sensoren, die den Forschern exakte Daten über die Wachstumsphasen der Tiere lieferten. Das Ergebnis: Die Tiere wuchsen zu 90 Prozent in der Nacht, in Bewegung fand praktisch kein Wachstum statt. Und es besteht kein Grund, dass diese Verteilung nicht auch für das Säugetier Mensch gelten sollte. Doch nicht nur Bewegung und Ruhe führen zu Schwankungen auf dem Weg zur Endgröße. Kinder mit ungesunden Ernährungsgewohnheiten wachsen ebenfalls unregelmäßig, und bei schweren Krankheiten kommt es erst einmal zum Wachstumsstopp, um Kräfte zu sparen, und danach zu einer regelrechten Wachstumsexplosion, um die verlorenen Zentimeter wieder aufzuholen. Selbst Schulstress und die Konflikte der Eltern beeinflussen das Wachstum. Einer britischen Studie zufolge haben Kinder bei familiärem Streit oder emotionalen Konflikten wie Scheidungen ein fast doppelt so großes Risiko, unter der durchschnittlichen Körpergröße zu bleiben. Ein Siebenjähriger aus unharmonischer Familie ist um etwa sieben Zentimeter kleiner als ein Kind gleichen Alters, das in stabilen Verhältnissen lebt.
Die wahre Größe eines Menschen entwickelt sich eben nur in Harmonie - und das beschränkt sich nicht nur auf die Körpergröße. Die Forscher fanden bei Kindern aus zänkischem Elternhaus auch deutliche Defizite in der Hirnentwicklung.