Gesenkter Blick, hängende Schultern, piepsige Stimme: Wenn wir unsicher sind, verrät das unser Körper. Wer sich unwohl fühlt, hält sich meist auch nicht besonders aufrecht, das hat sich inzwischen nicht nur unter Experten für Körpersprache herumgesprochen. Neu ist aber: Nicht nur die Psyche prägt die Körperhaltung - umgekehrt funktioniert es genauso. Unsere Haltung bestimmt unsere Gefühle und somit unsere Persönlichkeit.
So konnte ein Forscherteam der Northwestern University im US-amerikanischen Illinois nachweisen: Die Körperhaltung entscheidet über unseren Willen zu Dominanz und Durchsetzungskraft. Die Forscher ließen dafür 77 Studenten entweder drei bis fünf Minuten geradezu flegelhaft auf einem bequemen Bürosessel sitzen, oder aber sie mussten sich auf einem viel kleineren Sitzmodell mit nach vorne gebeugten Schultern zusammenkauern. Dann wurden sie aufgefordert, sieben Wortfragmente zu ergänzen, die einen engen Bezug zu Stärke und Durchsetzungskraft hatten. Wie etwa l..ad. Wer die Buchstaben zu "lead" (führen) ergänzte, erhielt einen Punkt auf einer Power-Skala, während eine Ergänzung zu "load" (Last, aufladen) keinen Punkt einbrachte. Studienleiter Adam Galinsky erläutert: "Wer in einer ausladenden Pose saß, erreichte einen durchschnittlichen Punktestand von 3,44, wer sich hingegen zusammenkauern musste, kam nur auf 2,78 Punkte." Ein Unterschied von mehr als 20 Prozent.
"Mit unserer Körperhaltung verraten wir anderen sehr viel über uns selbst", sagt auch Professor Wolfgang Tiedt. Er muss es wissen, denn er leitet das Institut für Tanz und Bewegungskultur an der Deutschen Sporthochschule in Köln.
Tiedt rät allen, die ihre Haltung verbessern wollen, zu Kräftigungsübungen und Sport. "Vorsicht bei Liegestützen, dabei sinken die meisten ins Hohlkreuz", warnt der Experte. Besser sei es, gezielt die Muskeln zu trainieren, die eine Haltungsfunktion haben, etwa die Rücken-, Bauch- und Beckenmuskeln. Und wichtig sei vor allem, im Alltag immer wieder an die Körperspannung zu denken.
Denn wer sich reckt und streckt, entwickelt auch mehr Beharrlichkeit beim Problemlösen und steigert damit einen gewissen Anteil seiner Intelligenz, wie die US-Psychologen John Riskind und Carolyn Gotay herausfanden. In ihrer Studie zeigten sich Aufrechtsitzer als viel hartnäckiger beim Lösen eines geometrischen Puzzles als diejenigen, die sich zusammenkauern mussten.
Bleibt die Frage, wie die Körperhaltung konkret die Psyche beeinflusst. Ein Weg führt über die diversen Rezeptoren in Muskeln und Sehnen, die das Gehirn exakt über die aktuellen Spannungszustände im Körper informieren. Hinzu kommt der Gleichgewichtssinn im Innenohr und natürlich auch so dominante Sinne wie etwa die Augen. Wer dauerhaft den Blick senkt, schmälert sein Selbstbewusstsein. Ganz im Gegenteil zu dem, der seine Augen überwiegend im Waagerechten fokussiert. Zudem behindert eine eingefallene Körperposition die Zwerchfellatmung und schränkt dadurch die Sauerstoffversorgung ein. All diese Informationen werden vor allem in den unbewussten Arealen des Gehirns verarbeitet und mit entsprechenden nervösen und hormonellen Signalen beantwortet.
Sozialpsychologin Dana Carney von der Columbia University in New York ermittelte, dass expansive Körperhaltungen den Testosteronspiegel ansteigen, dafür aber den Cortisolspiegel im Organismus sinken lassen. Dies fördert nicht nur Mut, Willenskraft und Beharrlichkeit, sondern auch die Leistungsfähigkeit des Immunsystems, denn Cortisol ist bekannt dafür, die Widerstandsfähigkeit gegenüber Infekten zu schwächen. Was im Umkehrschluss bedeutet: Wer überwiegend mit defensiv-gebeugter Körperhaltung durchs Leben geht, verliert nicht nur psychisch, sondern auch immuntechnisch an Power - und sollte sich nicht wundern, wenn er im Winter öfter und länger als andere mit Erkältungen zu kämpfen hat.
Gründe genug also, an der eigenen Körperhaltung zu arbeiten und im Alltag immer wieder daran zu denken. Dabei helfen kann ein regelmäßiges bewusstes An- und Entspannen von Schultern, Bauch und Po. Das klappt sogar unbemerkt von anderen in der Schlange vor der Supermarktkasse oder im Wartezimmer beim Arzt.Langfristige Effekte lassen sich mit gezieltem Muskeltraining an Hanteln und Geräten erzielen. Anfänger sollten dies aber nur unter professioneller Anleitung tun, sonst können sich Haltungs-und Bewegungsfehler einschleichen. Auch Übungen aus Sportarten wie Yoga, Tai-Chi oder Qigong helfen, den Körper zu stabilisieren.
Bewegung ist der Schlüssel zur besseren Haltung. "Wer regelmäßig Gymnastik macht, klagt auch weniger über Haltungsschwächen", ist sich Sportprofessor Wolfgang Tiedt sicher. Jeden Tag 20 Minuten dehnen, recken und die Arme kreisen lassen, das wäre optimal. "Je älter man ist, desto mehr Zeit sollte man in die verschiedenen Übungen investieren."
Gute Allroundgymnastikprogramme, die den gesamten Körper beanspruchen, gibt es in Sportvereinen, im Fitness-Studio und sogar in der Volkshochschule. Und wer keine Fitnesskurse mag, kann es ja einmal mit Tanzen versuchen. Die Bewegung zur Musik gemeinsam mit anderen ist ein effektives Ganzkörpertraining, das die Haltung langfristig und dauerhaft entscheidend verbessern kann.
Für alle Trainingsformen gilt: Vor allem Spaß müssen sie machen. "Ob Rückenkurs, Pilates oder Salsa-Training, wer die regelmäßige Bewegung genießt, bleibt auch langfristig dabei, im Idealfall lebenslang", sagt der Sportprofessor. So bleibt man auch im Alter noch fit, beweglich - und aufrecht.
