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GesundheitWenn Töchter unter Magersucht leiden

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Das Model Kate Moss im Jahre 1998. Ihr Gewicht veranlasste viele junge Mädchen und Frauen zu einem Schlankheitswahn, was im schlimmsten Fall zu Bulimie und Magersucht führen kann. (dpa)

Frau Wendt, wann haben Sie bemerkt, dass aus der harmlosen Diät Ihrer Tochter Marie eine ernstzunehmende Essstörung wurde?

Ich habe eine Weile gebraucht, um zu begreifen, dass Marie eine ernste Erkrankung hat. Zu Beginn ließ sie bloß Süßigkeiten weg - das fand ich sogar gut. Doch dann aß sie immer weniger. Sie erfand Ausreden, um bei den Mahlzeiten nur noch sehr wenig essen zu müssen. Schließlich hat sie nur noch an winzigen Mäusehäppchen genagt.

Ein Kind mit Essstörung ist belastend genug. Was ging in Ihnen vor, als Anna ihrer Zwillingsschwester in die Magersucht folgte?

Ich habe Panik bekommen, und vor allem hatte ich große Sorgen um Anna. In dieser Zeit habe ich mich oft sehr allein gefühlt. Ich habe begonnen alles zu lesen, was es über das Thema Magersucht gab. Aus der Unwissenheit heraus war ich sogar der Ansicht, dass wir Annas Essprobleme zu Hause lösen können.

Hat Ihr Mann Sie nicht unterstützt?

Mein Mann hat das Hungern der Mädchen damals nicht verstanden. Vielleicht ist es für Männer auch schwieriger, dies nachzuvollziehen. Natürlich haben wir alle Schritte, wie etwa die Klinikaufenthalte der Zwillinge, gemeinsam besprochen. Auch bei der Familientherapie war er dabei. Aber hier ging es überwiegend um meine Rolle, er kam so gut wie gar nicht vor. Ich musste vieles mit mir selbst ausmachen. Zum Glück hat unser jüngster Sohn, Jakob, diese Zeit gut weggesteckt, auch wenn er viel mitbekommen hat. Ein Trauma wird er wohl nicht davon getragen haben - ich schon eher.

Wie zeigte sich die Magersucht bei Ihren Töchtern?

In ihrer schlimmsten Phase wog Marie nur noch knapp 38 Kilo, und Anna brachte etwa 40 Kilo auf die Waage - beide bei einer Körpergröße von 1,60 Metern.

Die Menstruation hatte bei den Mädchen bereits zu Beginn der Erkrankung ausgesetzt. Später fielen ihnen büschelweise die Haare aus. Marie bekam dazu noch die typische Lanugobehaarung, einen Haarflaum am Körper. Außerdem sind in dieser Zeit die Füße der Zwillinge geschrumpft. Marie war insgesamt etwa sieben Monate in stationärer Behandlung; sie hat sich beide Male selbst eingewiesen.

Auch Anna war aus freien Stücken für knapp drei Monate in einer Klinik.

Sie schreiben, dass „die Magersucht eine gewaltige Provokation“ sei. Können Sie das Provokante an der Krankheit genauer erklären?

Hungern ist eine Provokation. Niemand kann ertragen, einen anderen Menschen hungern zu sehen.

Gandhi hat mit seinem Hungerstreik ein Weltreich ins Wanken gebracht. Dennoch ist es falsch, sich von der Magersucht provozieren zu lassen, denn die Betroffenen machen das ja nicht mutwillig, sondern leiden selbst am meisten unter ihrer Erkrankung.

In Ihrem Buch vergleichen Sie sich häufig mit Don Quijote. Haben Sie auch gegen Windmühlen gekämpft?

Das habe ich. Ich habe mich ohnmächtig, hilflos und manchmal auch zornig gefühlt - eben wie Don Quijote. Marie hat in 15 Wochen 15 Kilo abgenommen und wurde von niemandem - weder von den Lehrern noch vom Pfarrer - darauf angesprochen. Das fand ich enttäuschend.

Nur auf dem Schulhof wurde Maries Abnehmen thematisiert:

Die Mädchen zollten ihr für diese Leistung hohen Respekt.

Gab es Momente, in denen Sie aufgeben wollten?

Auf jeden Fall. Einmal habe ich es auch versucht. Ich habe meine Sachen gepackt und bin zu einem Gasthof gefahren. Allerdings bin ich nicht mal die Nacht dort geblieben. Ich habe gemerkt, dass ich überhaupt nicht dazu bereit war, meine Kinder aufzugeben. Dieser Trip hatte noch etwas Gutes: Ich nahm mir vor, mehr für mich zu machen. Ich habe in dieser Zeit zum Beispiel intensiv Tagebuch geschrieben. Das war mein Freiraum. Einige Passagen daraus habe ich auch in meinem Buch verwendet.

Sie schildern viele Ereignisse, die das Ausmaß der Magersucht Ihrer Töchter deutlich machen. Welches haben Sie als besonders schlimm in Erinnerung?

Eines der schlimmsten Erlebnisse war der Kauf von Bikinis für die Mädchen. Vor der Magersucht habe ich mit meinen Töchtern gerne solche Shopping-Ausflüge unternommen. Aber damals hätte ich am liebsten geweint: Meine Töchter - nur noch Haut und Knochen. Es war fürchterlich.

Als Ursache einer Magersucht gilt meist die Mutter. Dagegen setzen Sie sich in Ihrem Buch zur Wehr.

Ja, das stimmt. Bei Maries Therapie hat zum Beispiel niemand mit uns überlegt, wie wir Tag für Tag mit der Krankheit leben und umgehen sollen. Es wurde überwiegend geschaut, was wir - vor allem, was ich - falsch gemacht haben könnte. Der Verdacht bestand, schon bevor man mit uns gesprochen hatte. Diese Anschuldigungen waren sehr verletzend. Ich hätte mir damals mehr professionelle Unterstützung für die Eltern gewünscht. Eben Therapeuten, die nicht in veralteten Klischees denken. Die Zwillingsproblematik wurde im Übrigen am Anfang völlig übersehen.

Diese Zwillingsproblematik soll eine Ursache der Magersucht Ihrer Töchter sein?

Sie stellt zumindest den psychologischen Hintergrund dar. Die Magersucht war Maries Ding, ihr Befreiungsschlag. Mit ihr wollte sie sich von ihrer Zwillingsschwester Anna abgrenzen.

Sie war auf der Suche nach ihrer Identität. Anna hingegen konnte die Schwester nicht loslassen und folgte ihr in die Sucht.

Während der Magersucht Ihrer Töchter haben Sie einen Gentest machen lassen, der die bis dahin noch nicht bestätigte Eineiigkeit der Zwillinge bescheinigt. Hat die Erkrankung ihrer Kinder auch einen genetischen Ursprung?

Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass das Risiko, dass beide Zwillinge an Magersucht erkranken, bei eineiigen Zwillingen wesentlich höher ist als bei zweieiigen, die ja auch unter ähnlichen Bedingungen aufwachsen.

Vor allem Anna hat sich über das Testergebnis gefreut. Sollte die Magersucht als Anlage auch in ihr stecken, brauchte sie wegen ihrer Nachahmerei kein schlechtes Gewissen zu haben.

In Ihrer Ursprungsfamilie gab es bereits Essstörungen: Ihre Schwester war damals magersüchtig, Sie selbst waren bulimiekrank. Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen Ihrer Geschichte und der Ihrer Zwillinge?

Ich denke, dass es eine Verlangung zur Essstörung in unserer Familie gibt. Es ist gut, wenn man das weiß.

Haben Sie denn Ihre Bulimie überwunden?

Ja. Die eigentliche Bulimie ging auch rasch vorüber. Meine Mutter hat davon gar nichts mitbekommen.

ennoch habe ich viele Jahre damit verplempert, darüber nachzudenken, was ich essen darf und was nicht.

Damals haben Sie mutige Literatur zum Thema Magersucht in Deutschland vermisst. Ist ihr Buch mutig?

Ich weiß nicht, ob mein Buch mutig ist. Vielleicht ein bisschen. Aber in erster Linie möchte ich Eltern Mut machen. Auch wenn es nicht immer danach aussieht und man verzweifeln möchte: Man kann die Magersucht überwinden.

Wie war die Reaktion Ihrer Familie - insbesondere die der Zwillinge - auf die Veröffentlichung Ihres Leidenswegs?

Meine Freunde und meine Familie fanden die Idee gut. Auch die Zwillinge haben mich ermutigt.

Sie hatten nichts gegen die Veröffentlichung.

Haben Sie für Betroffene und Angehörige einen Rat?

Zuerst sollte die Krankheit wirklich als Krankheit angenommen und erkannt werden. Besonders wichtig ist die professionelle Begleitung und Beratung. Auch Rückschläge gehören dazu, die gab es bei uns auch.