Charles Moore kehrte gerade von der Transpac-Segelregatta von Los Angeles nach Hawaii zurück. 2225 Seemeilen Abenteuer lagen hinter ihm, doch wirklich freuen konnte er sich nicht, denn was er auf dem Rückweg von Honolulu zu Gesicht bekam, ließ ihn erschaudern. Eine schwimmende Müllkippe auf dem offenen Ozean. Auf einer Fläche, so groß wie ein ganzer Kontinent, trieben Styroporteilchen im Wasser, Flaschen, Verpackungsmüll, Deckel, Plastiktüten, alte zerbrochene Kämme, Becher, Tonnen von Zivilisations-Abfall. „So weit das Auge reicht, nur Plastik“, sagt Moore später. „Es scheint unglaublich, aber ich fand nicht eine einzige offene Stelle im Wasser, die nicht mit Plastik übersät war - eine ganze Woche lang nicht.“
Teilchen treiben zwischen Hawaii und USA
Das, was Moore damals entdeckte, ist heute als „Great Pacific Plastic Patch“, beziehungsweise als „großer pazifischer Plastikstrudel“ bekannt, ein riesige schwimmende Müllhalde im Nordpazifik, die heute schon die Ausmaße Afrikas angenommen hat. Bis zu einer Million Plastikteilchen treiben hier zwischen Hawaii und dem nordamerikanischen Festland in jedem Quadratkilometer Wasser bis in eine Tiefe von 30 Metern hinein. Ozeanographen gehen davon aus, dass ganze 100 Millionen Tonnen Kunststoffmüll im Wasser schwimmen. Moore ließ seine grausige Entdeckung übrigens nicht ruhen. Zwei Jahre später kam er in das gleiche Gebiet zurück und maß den Anteil des Plastiks im Wasser genauer nach. Das Ergebnis: Schon 1999 gab es hier sechsmal soviel Plastik wie Plankton im Wasser.
Bis heute hat sich der Anteil des Plastiks vervielfacht. Seitdem haben sich Forscher in aller Welt mit der Vermüllung der Meere intensiver beschäftigt, allesamt kommen sie übereinstimmend zu dem Ergebnis: Der Plastikmüll ist eine ernstzunehmende Gefahr für das Ökosystem Meer geworden und diese Gefahr nimmt jeden Tag weiter zu - weltweit.
Das große Problem gerade beim Plastik ist, dass es nicht biologisch abbaubar ist und nur äußerst langsam von den Wellen und dem UV-Licht zersetzt wird, bis zu 450 Jahre kann das dauern, haben Forscher ermittelt. Bis es soweit ist und der Plastikmüll von den Wellen und den Sonnenstrahlen, dem Meerwasser und der Reibung der Teile aneinander in immer kleinere Bruchstücke zerteilt wird, stellt der Müll eine erhebliche Gefahr für alles Leben im Wasser dar. Zum einen verfangen sich Fische, Meeressäuger und Schildkröten in dem Verpackungsmüll, den alten Fischernetzen und anderem Plastikunrat und verenden darin qualvoll.
Zum anderen stellen aber auch gerade die kleinen Plastikbruch-stücke, die auf dem offenen Meer im Laufe der Zeit entstehen, eine wohl noch größere Gefahr dar: Die nämlich werden von den Seevögeln an ihre Jungen verfüttert und Fische wie auch Schildkröten, Krebse und Meeressäuger fressen sie in großen Mengen. Damit nicht genug: Plastik wirkt wie ein Magnet auf Schadstoffe, zum Beispiel PCB und DDT, und bindet diese an sich. Genau diese schadstoffbelasteten kleinsten Plastikteilchen fressen nun die Fische, ja sogar die Muscheln, und somit gelangen sie über diesen Umweg in die menschliche Nahrungskette. Moore sagt: „In manchen Bereichen des Ozeans ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass ein Fisch sich von Plastik ernährt, als von seiner natürlichen Nahrung. Was hier vor sich geht, ist ein unkontrollierbares Experiment mit Giftstoffen, das wir mit uns selbst anstellen.
Diese Probleme sind keinesfalls auf den Pazifik oder den „Great Pacific Plastic Patch“ beschränkt - der leider nicht der einzige seiner Art ist, es gibt diese Ansammlungen weltweit - so dass die Wissenschaftler inzwischen verstärkt Alarm schlagen. Die UN-Umweltorganisation UNEP hat ermittelt, dass „bis zu 18 000 Plastikteile in jedem einzelnen Quadratkilometer der Weltmeere treiben. Jedes Jahr kommen weitere 6,5 Millionen Tonnen Plastikmüll hinzu.“ Wissenschaftler haben herausgefunden, dass mehr als eine Million Seevögel und 100 000 Schildkröten und Meeressäuger jährlich einen qualvollen Tod sterben, verursachtdurch den Plastikmüll.
Die Meeresschutzkommission OSPAR mit Sitz in London, hat in den Jahren 2002 bis 2004 in einer Studie 819 Eissturmvögel untersucht, 93 Prozent davon hatten Plastikmüll im Magen. „Heute verwechseln Vögel immer öfter Plastik mit Nahrung“, sagt Nils Guse vom Forschungs- und Technologiezentrum Westküste im schleswig-holsteinischen Büsum.
Verhungern mit vollem Magen
Auf Hawaii sterben heute schon zwei von fünf Layson-Albatross-Küken innerhalb ihrer ersten sechs Lebensmonate an dem Plastik, das ihre Eltern an sie verfüttern, haben Biologen festgestellt. Sie verhungern praktisch mit vollem Magen, da das unverdaubare Plastik den Raum für echte Nahrung blockiert und die Nahrungsaufnahme somit verhindert.
Verbote gibt es inzwischen viele. Vor allem, seit Wissenschaftler herausgefunden haben, dass circa 80 Prozent des Plastikmülls vom Festland kommen, etwa über Flüsse ins Meer gelangen, oder auch von Touristen am Badestrand stammen und nur 20 Prozent direkt auf dem Meer über Bord gekippt werden oder bei einem Sturm verloren gehen.
Das Pilotprojekt im italienischen Hafen von Livorno soll Vorbild sein: Dort wird Müll angekauft, den örtliche Fischer mit ihren Netzen aus dem Wasser herausgefischt haben. Charles Moore sagt: „Dafür sind die Plastikteilchen, die oft kleiner als einziger Millimeter sind, ganz einfach zu klein und es sind auch viel zu viele.“ Seiner Ansicht nach gibt es nur eine Lösung: „Das Plastik muss biologisch abbaubar und recyclebar sein, sonst geht es nicht.“
