Die Tage des Lavendels sind gezählt. Noch stehen die Sträucher zwar in voller Pracht, weder die Abgase der Londoner Autos scheinen ihnen etwas auszumachen noch die Schaumzikade, deren Larven in unzähligen weißen Flöckchen an den Stängeln leben. Doch Richard Reynolds schaut sorgenvoll auf das üppige Lavendelfeld vor ihm. Denn hier hat sich nämlich der Rosmarinkäfer eingenistet. „Da ist schon einer“, sagt Reynolds und sammelt ein schillerndes Exemplar von einer Pflanze ab.
Nicht sonderlich gefährlich sieht der kleine Käfer aus, doch seine Larven sind äußerst hungrig und lieben die Blätter des Lavendel. Der Befall ist schwer einzudämmen, und regelmäßig abgefressene Pflanzen sterben irgendwann ab. „Vermutlich werde ich sie bald ersetzen müssen.“ Reynolds schaut nachdenklich auf die Sträucher. Den 33-Jährigen treiben die gleichen Sorgen um wie jeden anderen Gärtner auch. Viel Herzblut hat er in die Bepflanzung gesteckt, viel Schweiß und Mühe. Regelmäßig schaut er nach dem Rechten, pflanzt hier und da etwas nach und sammelt Müll ein: Papier, Plastikflaschen, Chipstüten. Müll gibt es hier nicht zu knapp, denn Reynolds Lavendelbeet liegt nicht etwa geschützt hinter einem Haus, sondern mitten in der Stadt: Es nimmt eine 150 Quadratmeter große Verkehrsinsel im Londoner Südosten ein.
Der Boden gehört Reynolds nicht, er lag brach im Niemandsland zwischen zwei Stadtbezirken, so hat er ihn einfach bepflanzt. Fünf Jahre ist das her, und das Ergebnis kann sich sehen lassen: ansprechender könnte keine öffentlich gepflegte Anlage sein. Mit „Guerilla Gardening“, dem heimlichen Säen und Pflanzen ohne offizielle Erlaubnis, ist Richard Reynolds vor sieben Jahren bekannt geworden. Er hat dem einen Namen gegeben, was viele bereits vor ihm getan haben - was Menschen vermutlich immer getan haben, seit es Besitzansprüche an Boden gibt.
Reynolds ist nicht der Erfinder des Guerilla Gardening, auch der Begriff stammt eigentlich nicht von ihm sondern aus den USA, wo sich 1973 in New York eine Gruppe „Green Guerillas“ zusammentat, die verwahrlostes Gelände bepflanzte. Auch legt er Wert auf die Feststellung, dass er nicht verantwortlich ist für die diversen Spielarten der Guerilla Gärtner: „Es gibt Leute, die pflanzen etwas mitten in eine gepflegte Rasenfläche, um ein Statement zu machen. Das ist nicht mein Ansatz.“ Ihm geht es darum, öde Flecken im Stadtgebiet, um die sich niemand kümmert, zu verschönern.
Mit einem Beet an seinem Wohnhaus, dem Perronet House am Kreisverkehr im Londoner Stadtteil Elephant and Castle, fing es an. In einer Nacht- und Nebel-Aktion setze Reynolds Pflanzen in die vernachlässigte Anlage. Er dehnte seine Aktivitäten in der Umgebung aus und berichtete im Internet über sein Tun, wo er im Laufe der Zeit auf Hunderte von Gleichgesinnten traf. Ein Medienrummel entfachte sich um ihn und sein Guerilla Gardening, das britische Garten-Establishment war „not amused“: Fernsehgärtner Monty Don etwa äußerte Unverständnis für solch verantwortungslose Späße.
Reynolds schrieb ein Buch, das inzwischen auch ins Deutsche übersetzt ist, hält Vorträge. Auf seiner Homepage treffen sich heute Guerillagärtner aus mehr als 50 Ländern - die meisten leben in Großbritannien und den USA, Deutsche sind eher zurückhaltend. Auf der Seite finden sich regelmäßig Neuigkeiten, und wem das nicht reicht, der verfolgt Reynolds über Twitter, wo er im Schnitt viermal täglich Info-Häppchen postet. Viele tun das, was Reynolds macht, im Verborgenen - in Köln gibt es zahlreiche heimlich bepflanzte Baumscheiben, zu denen sich niemand offiziell bekennt. „Ich würde nie dort gärtnern, wo man es nicht sieht“, sagt er. Publicity war zunächst entscheidend, weil er den Grundgedanken des Guerilla Gardening verbreiten wollte. Doch Reynolds liegt der Umgang mit Medien, und der Rummel gibt ihm Kraft, immer weiterzumachen. „Kommunikation ist mir wichtig“, sagt er, dabei meint er auch die direkten Kontakte in der Nachbarschaft, mit Guerilla-Gärtnern und anderen Londonern.
Beim Spaziergang in Elephant and Castle hält er Schwätzchen, um Neuigkeiten aus dem Viertel zu erfahren. Sein Vater ist Vikar in Südengland, „der kennt auch jeden im Ort“. Reynolds, der hauptberuflich in der Werbebranche arbeitet, vermarktet sich gut. Lukrative Guerilla-Gardening-Werbeaufträge lehnte er zwar bisher ab, bietet aber Merchandise an, etwa selbstgenähte Lavendelkissen aus den Sträuchern der Verkehrsinsel. Dessen Erlös wird in den Kauf neuer Pflanzen umgesetzt, die er sonst aus eigener Tasche zahlt. Im Frühjahr durfte er ein Schaufenster des renommierten Kaufhauses „Selfridges“ an der Oxford Street gestalten. Der Guerillero, der bei Pflanz-Aktionen schon mal knapp der Verhaftung entging, scheint im Establishment angekommen.
Gerade etabliert er ein neues Projekt, „Pimp your pavement“ („Motz“ deinen Bürgersteig auf“), dessen Mitstreiter die Verantwortung für ein Stück Gehweg übernehmen - vorzugsweise mit behördlicher Erlaubnis. Auch das Beet am Perronet House darf er inzwischen mit offizieller Genehmigung pflegen. Reynolds ist frisch verlobt und will eine Familie gründen. Was wird aus Guerilla Gardening, wenn er mal Haus und eigenen Garten hat? „Vorhersagen kann ich es nicht, aber ich habe keine derartigen Pläne“, sagt der 33-Jährige. Aufs Land ziehen scheint keine Option, vielmehr träumt er davon, aus zwei Wohnungen im Perronet House ein Familien-Zuhause zu schaffen. Tief verwurzelt ist er inzwischen in Elephant and Castle. Das Gärtnern und Müll-Einsammeln bedeutet für ihn auch, Verantwortung in seinem Viertel zu übernehmen. „Mich interessiert, wie das gemeinschaftliche Leben in der Stadt funktioniert, wie es geformt und beeinflusst wird“, sagt Reynolds, der mit dem Gedanken spielt, Urbane Geografie zu studieren.
Guerilla Gardening ist ein gutes Mittel, um teilnehmend und beobachtend solche Einblicke zu bekommen. Fast könnte der Verdacht aufkommen, dass es ihm gar nicht so sehr um das Gärtnern selbst geht. Doch wenn Reynolds begeistert seine Pflanzen zeigt - „die Passionsblume hier ist ein Ableger aus dem Garten meiner Mutter“, wenn er mit flinken Handgriffen Verblühtes abknipst, wenn er sich über frisch hochgeschossene Sonnenblumen freut und sichtlich stolz das (noch) prächtige Lavendelfeld präsentiert - dann spricht doch ein großes Gärtnerherz aus ihm.
