GUMMERSBACH. Gummersbach hat eine Unterwelt.Generationen von Steinmüller-Mitarbeitern gingen dort ein und aus. Allerdings waren weder das Milieu noch die Mafia hier zuhause. Die einem Labyrinth gleichen unterirdischen Gänge dienten bis vor wenigen Jahren ausschließlich der Energieversorgung des Kesselbauers.
Heute sind die Systeme für Gasversorgung, Heizung und die Schmutzwasserentsorgung nicht mehr in Betrieb. Was in dem Ringkanal noch genutzt wird, sind die Leitungen für Frischwasser- und Stromversorgung. Während die kilometerlangen Gänge bald niemand mehr benötigt, werden die Geschichten, die sich um die Steinmüller sche Unterwelt ranken, vermutlich auch noch in vielen Jahren mit Begeisterung erzählt.
So soll es in den Katakomben einen Friseur gegeben haben, der seinen Kollegen die Haare für eine Dose Bier schnitt, natürlich während der Arbeitszeit. Eine weitere Anekdote berichtet, dass ein Ehemann wochenlang in der Unterwelt seines Arbeitgebers kampiert hat, nachdem er zuhause von seiner Frau vor die Tür gesetzt worden war. Und es soll hier auch einen regelrechten Bierverkauf gegeben haben, sagt Jürgen Fuchs, der 1983 bei Steinmüller seine Lehre begonnen hat. Kiosk und Barbier hat er allerdings nicht mehr persönlich erlebt.
Als Babcock in die Pleite schlidderte, war er einer der letzten 450 Blaumänner. Dass er das Steinmüller-Gelände wie seine Westentasche kennt, war mit ein Grund dafür, dass Fuchs und sein Kollege Hans-Jürgen Schäfer von der Entwicklungsgesellschaft als Hausmeister angestellt wurden, die das riesige Areal verwaltet.
Mit Fuchs ging die OVZ auf Entdeckungstour. Ein gelbes Geländer ist das einzig auffällige an der Treppe, die uns nach unten führt. Ein vergeblicher Druck auf den Lichtschalter lässt ahnen, dass hier der Zahn der Zeit sein Werk vollbringt. Fuchs geht vor und warnt uns vor der riesigen Pfütze.
Zu spät: Die Schuhe sind schon nass und die Hose dreckig. Gummistiefel wären eben doch abgemessen gewesen. Zum Glück funktioniert der nächste Lichtschalter und wir schlängeln uns durch die engen Gänge, immer auf der Hut, dass sich niemand den Kopf stößt.
Für ihn sei es anfangs schon sehr deprimierend gewesen, zu erleben, dass es Steinmüller nicht mehr gab und die Hallen nach und nach abgerissen wurden, berichtet Fuchs. Jetzt aber sei er froh, hautnah mitzuerleben, dass hier wieder was passiere. Das ist sehr spannend für mich.
Spannend ist auch der weitere Weg. So zeigt uns Fuchs einen unscheinbaren Einstieg unter einer Eisenplatte, der ins Nichts zu führen scheint. Der Kellerraum gehört jedenfalls nicht mehr zum Ringkanal. Dort sollen die unterirdischen Gänge beginnen, die zur Vogtei an der Kaiserstraße und zum Zwergenloch in der Rospe führen, verrät der Herr der Unterwelt. Persönlich eingestiegen ist er hier noch nicht, und wie die Hohlräume entstanden sind, weiß er auch nicht. Vielleicht gibt es ja Höhlenforscher, die sich das noch ansehen wollen, bevor es abgerissen wird, sagt Fuchs. Die müssen sich sputen. Manfred Pelzer-Zibler von der Projektgruppe Steinmüller-Gelände verrät nämlich, dass der größte Teil noch stehender Produktions-Hallen in diesem Jahr abgerissen wird. Dann gehören auch die Katakomben der Vergangenheit an.