Anfang der 70er Jahre war die Schumann-Klause in der Südstadt die einzige Kneipe weit und breit, die geöffnet hatte, erinnert sich Nadir Yadouz, Betreiber des Lokals Bon(n) Soir in der Bonner Altstadt. Die Zeiten haben sich geändert. Wer nach Bescherung und Festtagsschmaus ausgehen möchte, hat drei Jahrzehnte später viele Möglichkeiten. Kaum eine Diskothek der Stadt verzichtet darauf, eine Party zu veranstalten. Auch die Mehrzahl der Kneipen hat geöffnet. Zwar warten die Wirte, bis die potenziellen Gäste ihre familiären Rituale erledigt haben, aber spätestens gegen 21 Uhr sind die meisten Kneipen in der Altstadt, in Poppelsdorf und der Südstadt erleuchtet. In manchem Lokal steht Heiligabend unter einem bestimmten Motto. So lädt etwa das Billa Bonn in der Altstadt zum Besinnlichen Betrinken. Jeder Gast zahlt 12 Euro und kann zu diesem Preis so viel trinken, wie er möchte. Möglicherweise wird so mancher Besucher des Billa Bonn noch am ersten Weihnachtstag von diesem Angebot zehren.
In der Innenstadt schließen fast alle Cafés und Kneipen zwischen 14 und 16 Uhr. Nur das Tacos (Bonngasse) ist ab 21 Uhr auf Gäste eingestellt. Als besondere Weihnachtsofferte werden die Cocktailpreise zu Heiligabend gesenkt. Cocktails in normaler Größe (0,35 l) kosten vier Euro, und alle Jumbo-Cocktails (0,6 l) gibt es an diesem Abend für 7 Euro. Die Küche bleibt allerdings geschlossen. Da, wo die Türen geöffnet sind, wird offensichtlich auf einen erhöhten Alkoholkonsum der Gäste gesetzt. Nadir Yadouz, der eine Balkan-Party veranstaltet, berichtet, dass die Stimmung vor der Theke an diesem Abend immer etwas anders ist als an anderen Abenden. Einige sind besonders gut drauf, bei anderen fließen die Tränen. Für den Heiligabend hat er eine serbische Band engagiert, die für gute Laune in seiner Multi-Kulti-Kneipe sorgen soll. Yadouz öffnet sogar seine Küche, so dass die Besucher im Bon(n) Soir wie an jedem anderen Abend à la carte speisen können.
Das ist jedoch die Ausnahme. Während Partyfreudige zu Heiligabend bestens versorgt sind, haben diejenigen, die essen gehen wollen, Schwierigkeiten ein geöffnetes Restaurant zu finden. Bis auf wenige Ausnahmen sind es hauptsächlich orientalische oder asiatische Häuser, die heute auf eine Pause verzichten.
Neben türkischen Restaurants wie der Opera in der Innenstadt und dem Mosaik am Sportpark Nord haben auch thailändische Restaurants wie das Phuket an der Kennedybrücke oder das Krua Siam in der Südstadt geöffnet. In Thailand stehen andere Feiertage weit höher im Kurs als Weihnachten. Der Geburtstag des Königs am 5. Dezember oder das Neujahrsfest Mitte April werden in Thailand ähnlich gefeiert wie der Heilige Abend in Deutschland, sagt Massaya Schreckenberg, die die Geschicke des Krua Siam führt. Natürlich ist es daher für die Betreiber thailändischer Restaurants leichter, Mitarbeiter zu finden, die bereit sind, an Heiligabend zu arbeiten. Auch das chinesische Restaurant Hongkong am Bonner Rheinufer ist wie in jedem Jahr auch heute durchgehend (11.30 bis 24 Uhr) geöffnet.
Für Gülten Balaban, Chefin des italienischen Restaurants Il Gambero Rosso am Stadthaus, bedurfte es dagegen schon einer gewissen Überredungskunst, um die Mitarbeiter für Heiligabend zu gewinnen. Wir hatten im vergangenen Jahr zum ersten Mal Heiligabend geöffnet. Es waren zwar nicht allzu viele Gäste da, aber die Stimmung war wunderbar. Die Leute haben sich von Tisch zu Tisch Getränke ausgegeben, und es gab sehr nette Gespräche. Einige Gäste haben daraufhin gleich für heute Abend reserviert, erklärt Frau Balaban. Das Il Gambero Rosso bietet ein sechsgängiges Menü für 55 Euro. Allerdings können die Gäste auch den einen oder anderen Gang auslassen. Wir lesen unter anderem von Tafelspitz in Wirsing und grüner Sauce, von Steinbuttfilet in Champagnersauce oder Rehfilet in Rotweinsauce.
Als Experte für weihnachtliche Stimmung gilt Markus Keienburg, der als Gastgeber des Restaurants La Palmera in der Südstadt fungiert. Die Außenfassade seines Restaurants erstrahlt bereits seit Wochen im Lichterglanz. Bereits zum vierten Mal hat er seine Pforten auch an Heiligabend geöffnet. Er bietet seinen Gästen ein Menü über vier Gänge für 18,50 Euro. Den Auftakt macht eine Bouillon vom Wild. Anschließend serviert man im La Palmera Honigmelone mit Serrano- Schinken. Danach dürfen sich die Gäste zwischen drei verschiedenen Hauptgängen entscheiden. Als Dessert gibt es einen so genannten Wintertraum.
Auch Keienberg berichtet von der besonderen Stimmung. Die Gäste, die er zum Weihnachtsmenü erwartet, kommen ab 18 Uhr. Zunächst ist es ruhig und festlich. Im weiteren Verlauf des Abends füllt sich der Thekenbereich, und dann kann es auch im La Palmera feucht-fröhlich und durchaus emotional werden. Wer Markus Keienberg über seine bisherigen Erfahrungen reden hört, wird den Eindruck nicht los, dass viele Wirte an diesem besonderen Abend ihre Gäste nicht nur mit Getränken versorgen, sondern auch eine soziale Funktion ausüben.