DÜSSELDORF. Ist Barbie eine dumme blonde Puppe? Ein schlechtes Vorbild für Mädchen, weil Wespentaille und Giraffenbeine Magersucht provozieren? Bettina Dorfmann lächelt bei dieser Art von Kritik nachsichtig. Schließlich ist sie die Weltrekordlerin der Barbie-Sammelkunst, eine mädchenhafte Frau von 42 Jahren, der man auch noch Ähnlichkeit mit der Mannequinpuppe nachsagt. Dorfmann spricht von Emanzipation: „In der Welt der Barbie dirigiert die Frau - und der Mann geht unter." Womit sie Recht hat, denn der smarte Ken ist ja nur Dekoration. „Barbie kann alles, weiß alles, darf alles." Schließlich habe sie einen Beruf, fahre Auto, fliege Flugzeug.
Die Düsseldorferin besitzt 2000 Barbies, sagt auch das Guinnessbuch der Rekorde. Sie hält Vorträge und organisiert Ausstellungen zum Thema. Ihre Sammelobjekte bevölkern das eheliche Schlafzimmer, liegen unterm Bett, warten im Schrank auf Tageslicht. Hunderte stehen auch fein angezogen in Vitrinen. Sie tragen alle das gleiche zarte Lächeln, dazu rosa Glitzerkleidchen, taubenblaue Stewardessen-Kostüme und weiße Hochzeitsroben. Es sind Ärztinnen, Lehrerinnen, Designerinnen. Also nicht nur eine Modenschau aus drei Jahrzehnten, sondern irgendwie auch eine Bildungselite.
Bettina Dorfmanns älteste Barbie stammt von 1959. Sie trägt einen düsteren Lidstrich und steht auf steifen Beinen (die Knickbeine kamen erst 1966). Darüber plustert sich ein weißer Petticoat auf. „Reine Seide", erklärt Bettina Dorfmann. Damals seien die Stoffe echt gewesen, sogar Pelze habe es gegeben. „Heute ist alles aus Synthetik." Und vieles mit Klettverschluss. Ganz anders die Hose eines älteren Kens - die Sammlerin nestelt am Hosenschlitz und zeigt: den kurzen, ordentlichen Reißverschluss.
Als Kind besaß Bettina Dorfmann 28 Barbies. „Meine Mutter hat sie dann auf den Dachboden gelegt." Vor neun Jahren habe sie selbst die Puppen wieder entdeckt und wollte ihre kleine Tochter dafür begeistern. Doch die zeigte kaum Interesse. Ihre Mutter wusste andere Verwendung: „Zuerst habe ich sie als Dekoration in das Schaufenster meines Textilgeschäftes gestellt." Bald kamen die ersten Anfragen: Ob sie nicht welche reparieren könne? Sie konnte. Und fing an zu sammeln. So fing alles an mit der Barbie-Manie.
Wenn man Bettina Dorfmann fragt, warum sie die Puppe noch als erwachsene Frau so schätzt, sagt sie: „Ich finde die Mode klasse, die grellen Kostüme." Und sie meint, man könne sich nicht nur mit rationalen Dingen beschäftigen. Und so ist es wohl die edle, unverletzte Welt, in die sie sich gerne zurückzieht. Ein Stück Kindheit. Denn sie sammelt nur Puppen, die bis Mitte der 70er Jahre gefertigt wurden. Damals hörte sie auf, damit zu spielen.
Auf den Sammlerbörsen kann man vierstellige Summen in seltene Kleider investieren. Was auch Bettina Dorfmann schon getan hat. Begehrt sind auch japanische Barbies. „Die sind schwer zu bekommen." Viele ihrer Sammlerkollegen sind übrigens Männer, was ja manche Frage aufwirft. Doch das wäre eine andere Geschichte. Bettina Dorfmann ist in der Szene jedenfalls bekannt, auch wegen ihrer Barbieklinik. Man schätzt sie für ihre Reparaturen. Die finden in der Küche statt: Auf der Spüle sitzen zwei nackte Kens, mit einem Lächeln warten die Jungs darauf, dass ihre neuen Haare antrocknen. Die Damen leiden meist an grünen Ohren. „Das kommt von den Ohrsteckern", erklärt die Düsseldorferin, „die oxidieren." Mit eigenen Tinkturen („ein Geheimrezept") kriegt sie die wieder schön sauber. Eine häufige Barbiekrankheit sind auch Risse im Hals, die müssen geklebt werden. Natürlich hat Bettina Dorfmann viele Ersatzteile parat, vom Schühchen übers Händchen bis zum kompletten Bein. Haare besorgt sie im Friseurgroßhandel. Die benötigt sie auch, um neue Wimpern einzuziehen. Das kostet fünf Euro - was nicht viel ist für den perfekten Augenaufschlag einer Frau, die eine große Karriere hingelegt hat. In den USA hergestellt, wurde Barbie seit 1959 in 45 Ländern mehr als eine Milliarde Mal verkauft. Ziemlich clever für eine vermeintlich dumme blonde Puppe.