Nichts ist auf einer Radtour wohl so unbeliebt, wie wenn die Strecke plötzlich leicht ansteigt. Schnell gerät der Hobbyfahrer da ins Schwitzen, träumt vom nächstgelegenen Biergarten und steigt schließlich ab, um seinen Drahtesel zu schieben, bis es wieder bergab geht.
Schieben kommt für Dr. Frank Hülsemann nicht in Frage. Der 37-jährige Mitarbeiter des Deutschen Forschungszentrums für Leistungssport der Deutschen Sporthochschule Köln wird zusammen mit seinem Kollegen Markus de Marées (42) und dem Bergsteiger André Hauschke (47) im nächsten Jahr eine Radtour antreten, bei der es ausschließlich um die Steigung geht.
Mit ihren Fahrrädern wollen sie im April bis auf die Spitze des höchsten Vulkans der Erde fahren. Der Ojos del Salado liegt in Nord-Chile und ist mit 6893 Metern der zweithöchste Berg Amerikas. „Wenn wir den Vulkan bewältigen, dann hätten wir einen Rekord gebrochen“, erklärt Hülsemann. Auf die Idee, den Rekordversuch zu unternehmen, war er gekommen, als er hörte, dass es Chilenen geschafft hatten, mit einem Auto am Ojo del Salado hochzufahren. „Da dachte ich mir: Was mit einem Auto funktioniert, muss auch mit dem Fahrrad klappen.“
Die bisherige Bestmarke im „Fahrradhochfahren“ liegt bei 6176 Metern. Sie wurde auf dem Vulkan Aucanquilcha - ebenfalls in Nord-Chile - erreicht. „Allerdings nur, indem das Fahrrad zum Teil geschoben und getragen wurde“, sagt Hülsemann. Aufgrund von Erdrutschen konnte nicht der komplette Weg auf dem Rad sitzend zurückgelegt werden. Das kommt für Hülsemann und sein Team nicht in Frage: Jeder Meter soll auf dem Fahrrad sitzend und tretend zurückgelegt werden.
Mit dabei haben die drei Vulkanbezwinger einen Geländewagen mit drei Fahrern und zwei bis drei Begleiter, die im Wagen Zelte und Verpflegung mitnehmen - schließlich soll die steile Fahrradtour etwa vier Tage dauern. Auch Skianzüge sind im Gepäck.
„Die Strecke wird 350 Kilometer lang sein. Wir starten auf Meereshöhe bei etwa 25 bis 30 Grad. Je näher wir dem Gipfel kommen, desto kälter wird es werden - wir rechnen mit bis zu minus 25 Grad.“ Klar, dass da auch die Fahrräder entsprechend ausgerüstet sein müssen. So haben sie etwa eine Hi-Tech-Nabenschaltung mit 14 Gängen, die zuverlässiger reagiert als herkömmliche Gangschaltungen.
Hülsemann, de Marées und Hauschke starten unter dem Motto „NULL auf 6000“. Das Projekt wird von der Sporthochschule Köln unterstützt, aber von den drei Teilnehmern aus eigener Tasche finanziert.
Zur Zeit bereiten sie sich in der Sporthochschule auf die bevorstehenden Belastungen vor. „Heute Morgen war ich erst im Höhensimulationsraum“, sagt Hülsemann. Sonderlich angestrengt wirkt er nicht. Er schränkt allerdings auch ein: „Dort kann nicht die Steigung simuliert werden, die wir bei 6000 Metern zu erwarten haben.“ Immerhin kann in dem Raum der Sauerstoffanteil so reduziert werden, wie es auf dem Berg zu erwarten ist.
Rote Blutkörperchen
sind wichtig
„Würde man uns jetzt auf den Berg beamen, würden wir wegen des geringen Sauerstoffanteils nach etwa 15 Minuten zusammenklappen“, sagt Hülsemann. „Deshalb werden wir schon vier Wochen vor dem Start nach Chile reisen, um uns zu akklimatisieren. Der Körper muss Zeit haben, genug rote Blutkörperchen zu produzieren, damit wir in der extrem Höhe leistungsfähig sind.“
Hülsemann hat seine Urlaube gerne extrem. „Einmal im Jahr erlaubt mir meine Familie eine verrückte Sache“, scherzt er. So ist Hülsemann 2007 etwa den ehemaligen Eisernen Vorhang entlang geradelt oder im Jahr 2000 die Seidenstraße entlang. Nächstes Jahr soll es also der Vulkan sein. Hülsemann bleibt entspannt. „Wenn wir es nicht bis zum Gipfel schaffen, ist es nicht schlimm. Hauptsache, wir schaffen es, über 6000 Meter zu kommen.“ Dann ist der Eintrag ins Guiness-Buch nämlich sicher.