Ich versuche, meine neue Stärke zu testen, indem ich jemand umbringe. Weil ich Geld brauche zum Leben.
AACHEN / SCHLEIDEN. Wenige Tage, bevor der 37-jährige Arbeitslose Mike Gevatter am 17. Februar dieses Jahres auf einem Parkplatz im Schleidener Ruppenberg einen 43-jährigen Taxifahrer aus der Stadt Schleiden mit 21 Messerstichen getötet haben soll, soll er sein Vorhaben in seinen Computer getippt haben. Mein Stufenprogramm zur Bewusstseinsstärkung habe er den Text genannt, den die Mordkommission nach seiner Verhaftung in seinem PC fand.
Seit mehreren Monaten arbeitslos, hatte der in Merseburg geborene Industriemechaniker und frühere NVA-Soldat den Weg zum Arbeitsamt gar nicht erst gewählt. Aus Scham, schon wieder arbeitslos zu sein, wie er sagt. Wochenlang habe er in seiner Schleidener Wohnung nur am Fernseher gesessen oder am Computer gespielt. Und getrunken. Viel getrunken.
An diesem 17. Februar hat er im wahrsten Sinne seinen letzten Cent verbraucht. Für die 29 Cent, die er in der Ritze eines Möbelstücks fand, habe er ein Paket Nudeln gekauft. Und in einem Eimer mit Handwerksutensilien noch zwei Flaschen Kölsch entdeckt. Das Paket Nudeln, so erklärt er gestern zum Auftakt des Mordprozesses vor der 1. Schwurgerichtskammer des Aachener Landgerichts, sei das Letzte, an das er sich erinnere.
Immer wieder hält ihm der Vorsitzende Dr. Gerd Nohl, ein erfahrener Strafrichter, der auch schon den Prozess im Fall der ermordeten Kinder Sonja und Tom aus Eschweiler leitete, daher seine Aussagen bei der polizeilichen Vernehmung vor. Gegenüber der Mordkommission hatte Mike Gevatter die Tat gestanden und genau geschildert. Doch im Gericht, sieben Monate später, wiederholt er immer wieder: Ich kann mich nicht erinnern.
Leise, aber flüssig antwortet der Mann in Häftlingskleidung auf die Fragen des Richters. Selten stockt er. Nur den Blickkontakt zur Bank gegenüber, dort, wo die Mutter und der Bruder des ermordeten Taxifahrers sitzen, meidet er. Doch seine Worte sind die eines intelligenten Menschen, der seine Abitur mit gut machte. Ganz anders als der teilweise wirre Inhalt des Textes aus dem Computer. Der ist an Zerg und andere Charaktere aus Computerspielen gerichtet: Zum Arbeitsamt gehe ich nicht. Muss meinen inneren Schweinehund endlich überwinden. Vielleicht schaffe ich es ja heute. Verdammt, ich muss was essen. Ich kann es schaffen, jemanden zu töten, denn ich brauche unbedingt Geld zum Leben.
Ja, er sei häufig in der Nacht durch Schleiden gelaufen. Ja, in der Tasche habe er dann stets das 16 Zentimeter lange Fleischermesser gehabt. Jenes scharfe Messer, das die Polizei in seinem Badezimmer sicherstellt. Gesäubert vom Blut. An dem die Experten aber trotzdem sowohl seinen genetischen Fingerabdruck als auch den des ermordeten Taxifahrers finden.
Auch an seine Ausführungen bei der Polizei will er sich nicht mehr erinnern können. Ich hatte vor der Festnahme 30 Stunden nicht geschlafen. Aber viel getrunken. Und: Eigentlich rede ich viel, wenn der Tag lang ist. Sein Verteidiger springt ihm bei: Er wollte sich bei der Polizei wohl aufbalzen.
Doch da ist ein zweiter Text, den die Polizei im Computer findet. Offenbar geschrieben, als der Taxifahrer tot ist: 120 Euro! Ich habe heute jemanden erstochen. Der einzige Ausweg, um an Geld zu kommen. Wobei er weiß, dass Spuren im Taxi, unter anderem seine Mütze, auf ihn weisen. Und dass die Polizei ihn fassen wird. 120 Euro für wahrscheinlich fünf bis zehn Jahre Knast. Bin gespannt, wie lange die Bullen brauchen, um mich zu schnappen.
Durch gerichtsmedizinische TV-Sendungen kennt er sich aus: Da seien die Mütze für eine Genanalyse und Fingerabdrücke. Und Zeugen. Viele Leute haben mich nach der Tat gesehen, da ich noch einen getrunken habe, steht im PC zu lesen. Tatsächlich, so die Rekonstruktion der Polizei und der Staatsanwaltschaft, habe Mike Gevatter den Parkplatz nach der Tat verlassen und sei zu Fuß den Berg hinab durch das verschneite Wäldchen nach Hause gelaufen, um sich dort zu säubern. Dann sei er in seiner Stammkneipe eingekehrt, um dort zu zechen.
Mit Eltern nicht
mehr gesprochen
Immer wieder fragt der Richter nach Details. Mike Gevatter zuckt die Achseln: Da ist nur noch ein Bild. Ich sehe ein Taxi mit einer offenen Tür.
Der Richter fragt, was er gefühlt habe. Oder heute fühle. In der Zeitung habe er doch später gelesen, dass der Ermordete Ehefrau und zwei elf und 14 Jahre alte Kinder zurücklässt. Wie man denn mit demjenigen verfahren solle, der das getan habe? Mike Gevatter blickt auf den Boden. Dann ganz leise: Vor die Wand stellen und erschießen.
Zu seiner Familie hat Mike Gevatter seit seiner Verhaftung kein einziges Mal Kontakt aufgenommen. Ob diese wisse, was ihm zur Last gelegt werde? Achselzucken. Doch im Computer findet sich noch ein Satz für die daheim: Entschuldigt, Mutti und Vati, bin im Knast wahrscheinlich besser aufgehoben als im richtigen Leben.
Staatsanwältin Dr. Nicole Maske, die ihm zur Last legt, aus Habgier heimtückisch einen Menschen getötet zu haben, um diesen zu berauben, glaubt ihm nicht, dass er sich nicht mehr erinnere. Sie sieht eine besondere Schwere der Schuld und hält ihm einen Satz aus dem Vernehmungsprotokoll der Polizei vor. Dort hat er auch etwas über den getöteten Taxifahrer gesagt: Den kenne ich nicht. Der ist mir egal. Es hätte auch eine Schneeflocke sein können.
Am Mittwoch, 12. Oktober, wird die auf fünf Tage terminierte Hauptverhandlung vor dem 1. Schwurgericht (Saal 339) um 9 Uhr fortgesetzt.