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„Ich hatte ein ungutes Gefühl“

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KASSEL. Den Augenblick, als sie Anita G. das letzte Mal gesehen hat, kann Gisela G. nicht vergessen. „Ich sehe noch ihre Augen, ihr Lachen, das rote T-Shirt-Kleid und wie sie ihre Kinder umarmte und küsste.“

Gisela G. war eine sehr gute Freundin von Anita G. Sie kannten sich durch die Schwangerschaftsgymnastik und passten gegenseitig auf ihre Kinder auf. Am Freitag, 4. Juni 1982, holte Gisela G. den Sohn (3) und die Tochter (4) von Anita G. am Nachmittag ab. Die Kinder sollten bei ihr übernachten, weil Anita G. noch zu arbeiten und am Abend eine Verabredung mit ihrem Freund hatte, sagte die 59-Jährige gestern als Zeugin vor der sechsten Strafkammer des Kasseler Landgerichts.

Dort muss sich ein 50-jähriger Mann aus Kürten wegen des Verdachts des Mordes an Anita G. verantworten.

Für die Zeugen ist es nicht einfach, sich nach 26 Jahren an Details des Todestages zu erinnern. Der Vorsitzende Richter Volker Mütze musste den Zeugen immer wieder die polizeilichen Vernehmungen von damals vorhalten, um dem Gedächtnis nachzuhelfen.

Die Zeugen aus dem engen Umfeld des Mordopfers konnten jedoch ein Bild über die zweifache Mutter liefern. Ihre Freundin Anita sei kein Typ für ein Abenteuer gewesen, sagte Gisela G. Sie sei mit ihrem Freund, mit dem sie damals etwa eineinhalb Jahre zusammen war, sehr glücklich gewesen.

Das bestätigte auch der 54-jährige Ralf G., der Freund von Anita G. Man habe zwar damals nicht übers Heiraten gesprochen, aber beide seien von einer gemeinsamen Zukunft ausgegangen. Ralf G. war es, der am Abend des 4. Juni seine Freundin tot in deren Wohnung gefunden hatte. Schon gegen 18.30 Uhr habe er bei Anita G. geklingelt. Sie öffnete nicht. Ralf G. wunderte sich darüber, weil ihr Auto vor der Tür stand. Da er den Schlüssel für ihre Wohnung nicht dabei hatte, fuhr er wieder nach Hause. „Ich hatte ein ungutes Gefühl“, sagte Ralf G. Mit dem Schlüssel fuhr er zurück und betrat die Wohnung. Im Schlafzimmer machte er den grausigen Fund und rief um 19.57 Uhr die Polizei.

Die ersten Polizeibeamten, die am Tatort eintrafen, sagten gestern ebenfalls aus. Es sei bei ihrem Eintreffen offensichtlich gewesen, dass die Frau tot war, so ein 59-jähriger Kriminalbeamter. Die Körperwärme sei noch fühlbar und Leichenflecken seien bereits sichtbar gewesen.

Auch vor 26 Jahren wurde der jetzige Angeklagte schon von der Polizei in dem Mordfall vernommen. Ein dunkler Mercedes hatte die Ermittler auf die Spur des Mannes gebracht, der als Freigänger wegen sexueller Nötigung in der JVA Schwalmstadt saß. Am 4. Juni 1982 hatte er um 7.55 Uhr das Freigängerhaus verlassen und war um 21.10 Uhr zurückgekehrt. In seiner Vernehmung erklärte er damals, dass er Lebensversicherungen verkaufe und Anita G. nicht kenne. Ein JVA-Bediensteter gab später bei der Polizei zu Protokoll, dass der Freigänger am Morgen des 5. Juni gezittert habe, als er in der JVA etwas unterschreiben musste. Auf dem Schreibtisch habe auch die Zeitung mit dem Foto der ermordeten Anita G. gelegen. Der Prozess wird fortgesetzt.