Es gibt Situationen, da kann Polat (alle Schülernamen geändert) nur Türkisch. „Wenn ich eine Arbeit geschrieben habe, und ich will danach schnell erzählen, wie es für mich war, dann spreche ich türkisch“, erklärt der 16-jährige Hauptschüler. Zum Beispiel mit Amen, seinem Freund, dessen Muttersprache eigentlich Arabisch ist. „Wir kennen uns jetzt sechs Jahre, mittlerweile kann ich ein bisschen Türkisch“, sagt Amen. Aber jetzt wird Deutsch gesprochen, denn zur Runde gehört auch der 15-jährige Salvatore, der mit der italienischen Sprache aufgewachsen ist. Zuhause reden sie alle hauptsächlich ihre Muttersprache, auf dem Schulhof der Martin-Luther-King-Hauptschule in Köln-Weiden hingegen ist Deutsch der Weg, den die meisten zur Verständigung suchen - ohne jegliche Vorschriften.
360 Schüler besuchen die Hauptschule, 50 bis 60 Prozent davon haben einen so genannten „Migrationshintergrund“. Es sind Jugendliche, deren Muttersprache Russich, Türkisch, Polnisch oder Italienisch ist. 22 Nationen zählt Schulleiter Heinz Klein an seiner Schule.
Die Meinungen in der Diskussion um Deutsch als Pflichtsprache auf dem Schulhof, ausgelöst durch das Modell einer Berliner Schule (siehe Artikel unten), gehen weit auseinander. In der Politik findet die Idee großen Widerhall. Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse, die Staatsministerin für Integration im Bundeskanzleramt, Maria Böhmer (CDU), und auch der nordrhein-westfälische Integrationsminister Armin Laschet (CDU) befürworten eine Deutsch-Pflicht für die Pausengespräche. „Ich glaube, dass die Kenntnis der deutschen Sprache der Schlüssel zur Integration ist, zum Erfolg in der Schule und im anschließenden Beruf“, so Laschet. Deshalb sollte seiner Meinung nach auf freiwilliger Basis von Lehrern, Eltern und Schülern die Pflichtsprache eingeführt werden. Auch Faruk Sen, Direktor des Essener Zentrums für Türkeistudien, befürwortet das Modell. „Wird die deutsche Sprache an einer Schule zur Fremdsprache, so sollte man über Maßnahmen nachdenken dürfen, hier gegenzusteuern.“
Aber wie sieht das im Schulalltag aus? Von einer Verordnung, nur Deutsch zu sprechen oder einer freiwilligen Verpflichtung, hält Heinz Klein nichts. „Es ist ganz wichtig, dass man versucht, die Schüler im Hinblick auf die deutsche Sprache zu fördern und kompetent zu machen. Aber ich befürchte eine Verpflichtung könnte bei den Schülern genau das Gegenteil bewirken“, sagt er. Die Schüler könnten eine Abneigung gegen die aufgezwungene Sprache entwickeln. Außerdem stellen sich die Schulen natürlich die Frage: Wer sollte ein Ver- oder Gebot auf dem Schulhof kontrollieren? Ermahnungen oder Maßregelungen, wenn man Schüler beim Sprechen der Muttersprache „erwische“, würden die Begeisterung für die deutsche Sprache nach erst Recht bremsen, ist Klein überzeugt.
„Es ist im Unterricht schon manchmal eine Gratwanderung“, sagt Marika Prandl, Leiterin des Projekts Sprachföderung in der Weidener Hauptschule. Man dürfe den Schülern nicht vermitteln, dass ihre Sprache nicht erwünscht sei. „Die Mehrsprachigkeit ist doch viel mehr ein Pfund, mit dem sie wuchern können.“ Deshalb sollen die Jugendlichen für Sprachen sensibilisiert werden. Kleinere Klassen wären ein Weg, um Sprachkenntnisse besser vermitteln zu können, oder Förderunterricht, wie er in Weiden auf dem Stundenplan steht, findet Schulleiter Klein. „Seitdem wir diesen anbieten, steigen beispielsweise die Ausleihzahlen in der Schulbibliothek.“
Einen ähnlichen Ansatz verfolgt auch die Willy-Brandt-Gesamtschule in Köln-Höhenhaus. Bei rund 30 Prozent liegt dort der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund. Doch die Tendenz ist seit Jahren steigend, vor allem immer mehr türkische Kinder besuchen die Schule. Bei den derzeitigen fünften Klassen liegt der Anteil der Kinder mit einer anderen Muttersprache als Deutsch bei fast 50 Prozent. Wichtig sei es daher, so Marita Bongards, Deutschlehrerin und Ganztagskoordinatorin, zu vermitteln, „dass man die eigene Muttersprache verfeinern und eine weitere lernen will“. Denn oftmals sei es ein Problem, dass die Schüler weder ihre Muttersprache noch Deutsch gut können. Deshalb gehört in der Willy-Brandt-Gesamtschule auch Türkisch zum Unterrichtsangebot. Und dazu, dass im Kreise mehrerer verschiedensprachiger Schüler miteinander Deutsch gesprochen werde, brauche es keine besondere Hausordnung, findet Bongards. „In unserer Hausordnung ist der respektvolle Umgang miteinander vorgeschrieben, dazu gehört es, andere nicht auszugrenzen.
„Wenn man Deutsch spricht, verstehen es einfach alle“, das sieht die 14-jährige Yasemin ganz pragmatisch. Im Förderunterricht der Martin-Luther-King-Hauptschule sitzt sie zusammen mit türkischen und russischen Schülern, mit ihrem Arabisch kommt sie hier nicht weit. Es ist für sie selbstverständlich, die Unterrichtssprache zu sprechen: Deutsch. Und auch daheim wird mit den Geschwistern Deutsch gequatscht. Aber sie weiß: Manchmal geht es auch im Unterricht nur auf arabisch. „Wenn ich manche Wörter nicht kann, muss ich auf arabisch nachfragen.“ Dass in der Schule Deutsch gesprochen wird, steht für sie und die anderen gar nicht zur Debatte. Aber sie sind sich einig: Ihre Muttersprache kann man ihnen nicht verbieten. Und deshalb betont Aishe (14) mit Nachdruck: „Ich möchte einfach alle beide Sprachen sprechen.“