BERGISCH GLADBACH. Rattatata, rattata: Donnernd dröhnt der Güterzug mit seinen Waggons durch den Kopf von Ursula Bundschuh. Wochenlang immer das gleiche Geräusch: rattata, rattata. Tag und Nacht. Ohne Pause. Dieses Phänomen kann man keinem erklären, der nicht davon betroffen ist, beschreibt Ursula Bundschuh die Situation, die sie ohne Vorwarnung traf.
Der Krach im Kopf ließ ihren Alltag zur Hölle werden. Alles geriet aus den Fugen. Oft stand ich am Rande des Wahnsinns, gibt sie zu. Nach sechs, sieben Wochen ließ der Horror nach. Verschwunden ist er nicht: Ein sanftes Rauschen im Ohr und ein helles Pfeifen unterhalb der Schädeldecke ist geblieben. Ursula Bundschuh lernte, mit den unheimlichen Geräuschen zu leben. Ich habe mich damit arrangiert, sagt sie. Den Gedanken daran, dass die Geräusche irgendwann wieder aufhören, hat sie aufgegeben. Die Heilungschancen sind gering.
Bekannt ist dieses Phänomen unter der Bezeichnung Tinnitus. Nach einer Schätzung der Deutschen Tinnitus-Liga leiden drei Millionen Deutschen unter chronischen Ohrgeräuschen.
Als die Eisenbahn im Kopf zum ersten Mal Besitz von ihr nahm, änderte sich alles im Leben von Ursula Bundschau. Ich habe das alles so wirklich genommen. Sie sprang unvermittelt auf die Straße, weil sie einen Zug hinter sich vermutete. Sie hörte Stimmen, die es nicht gab. Um sie herum versank die Wirklichkeit. Ihren Job als Kindergärtnerin musste sie aufgeben. Heute ist Ursula Bundschuh berufsunfähig. Ich war so kaputt, dass ich nichts mehr machen konnte. Tinnitus ist schlimmer als Folter.
Aber Ursula Bundschuh kämpfte gegen ihre Qualen an. Sie gründete eine Selbsthilfegruppe, machte sich schlau über das seltsame Phänomen in ihrem Kopf. Tinnitus kommt nicht über Nacht, sagt sie. Über 10, 15 Jahre bauen sich die Symptome auf.
Es ist zumeist Stress, der verantwortlich dafür ist, wenn der Körper aus dem Gleichgewicht gerät. Andere Faktoren könne auch eine Rolle spielen: Verspannungen, Durchblutungsstörungen, Fehlstellungen der Halswirbelsäule, nächtliches Zahnknirschen. Eine Erklärung für die Ohrgeräusche gibt es bis heute nicht.
Von den Ärzten habe sie anfangs nur ein Schulterzucken bekommen, sagt Ursula Bundschuh. Konkrete Hilfe - Fehlanzeige. Damit müssen Sie leben habe sie als lapidare Antwort auf ihr Leiden erhalten. Heute sagt Ursula Bundschuh: Damit muss man leben lernen. Sie trat auf die Bremse, schaltete in ihrem Privatleben drei bis vier Gänge zurück. Heute genieße ich das Leben viel bewusster als damals. Sie lasse sich Zeit, um eine Tasse Kaffee zu trinken oder um einen Regenbogen anzuschauen.