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INTERVIEW: „Es gehört zu meinem Leben

6 min

Mit Prof. Dr. Renate Wald sprach Wolfgang Birkholz über ihr Leben als Tochter eines der mächtigsten Männer im Dritten Reich.

Frage: Was für ein Leben haben Sie geführt?

Wald: Ich denke, dass ich ein ungewöhnlich reiches Leben gehabt habe, nicht immer leicht, aber ungewöhnlich reich. Für mich sehr wichtig war nach 1945 meine Mutter, die ja nun wahrhaftig durch meinen Vater aus einer gutbürgerlichen Laufbahn rausgerissen worden war und immer zu dem Menschen Robert Ley gehalten hat. Sie hat ja auch nicht den Namen gewechselt.

Frage: Trotz der Scheidung ...

Wald: ... trotz der Scheidung. Ich hab´ ihn ja gewechselt, sonst hätte ich damals nicht studieren können. Meine Mutter hat ihn behalten und bis zu ihrem Tod immer wieder gesagt: "Ich kann nicht vertragen, wenn man vom Robert schlecht spricht." Das hat mir sehr geholfen. Ich hab´ mal vor der Tür eines Psychotherapeuten gestanden und bin umgekehrt, weil ich mir gesagt habe, ich kann mir nicht einen blinden Fleck therapieren lassen. Es gehört zu meinem Leben, und ich muss damit leben. Die Leute aus meinem Umfeld haben alle gewusst von dieser verleugnenden Verbindung zu meinem Vater.

Frage: Aber das war ja auch Selbstschutz für Sie?

Wald: Ja! Mein Vater war für mich, so lang er lebte, der nächste Mensch auf der Welt.

Frage: Haben Sie auch nach der Scheidung sehr engen Kontakt zu ihm gehalten?

Wald: Meine Mutter hat mich zu ihm schicken müssen. Ich war 16 Jahre alt bei der Scheidung, und ich hab´ rumort. Aber meine Mutter war auch da sehr gelassen. Mein Vater ist mir in den ersten Jahren nach seinem Tod manchmal im Traum erschienen in Galauniform und von einer Seite, die ich in natura gar nicht von ihm kannte. Dann hat er einmal gesagt in einem dieser Träume: "Ich gehe jetzt und komme nicht mehr wieder." Das hat er auch getan. Also Sie sehen: Freud pur.

Frage: Wie würden Sie es beschreiben, das Bild, das sich Ihnen eingeprägt hat?

Wald: Ein sehr warmherziger Vater, ein Vater, der mir alle Freiheit gelassen hat, meinen Weg zu gehen. Ich wollte gern zur Zeitung. Das hat er zuerst nicht gewollt. Dann hab´ ich ein Volontariat gemacht bei der "Koralle", das war so eine Familienzeitschrift, also keine Parteizeitung. Da habe ich eine Brieffreundschaft angefangen - natürlich mit einem völlig Verkehrten. Ich weiß bis heute nicht, ob das ein Hochstapler war oder was das war. Der tat so, als ob er mit dem 20. Juli Kontakt gehabt hätte. Da hat mein Vater sofort seinen Adjutanten hinterher geschickt, und der Adjutanten sagte dann, der Doktor lässt ihnen sagen, dass das ´ne ganz kleine dumme Nummer war, auf die ich reingefallen war.

Frage: Aber das ist doch ein ganz normales Verhalten eines Vaters!

Wald: Genau. Und wir konnten auch so voreinander stehen (Renate Wald ballt die Fäuste spielerisch), aber er ließ sich das von mir gefallen. Er hätte nicht gewollt, wenn ich vor ihm geduckt hätte.

Frage: Sie haben sich nach dem Krieg - eigentlich für eine Frau aus dieser Generation ja eher ungewöhnlich - Themenschwerpunkten genähert, die ganz anders waren als die Themen, die sich während der Phase und den Strukturen des Dritten Reiches angeboten haben.

Wald: Mein Forschungsthema war über die Jahrzehnte weg "Frau und Beruf", und ich hab´ dann erst gemerkt, dass mein Vater sich in der Sozialpolitik sehr eingesetzt hat für Frauen im Beruf. Mutter und Schwestern waren ja hart arbeitende Bauersfrauen. Ich nehme an, dass es von daher kam, auch dieser Respekt vor arbeitenden Frauen. Er konnte zwar von seiner zweiten Frau sagen, sie sei ,eine Prinzessin des Lebens´, aber Respekt hatte er vor der Mutter und den Schwestern.

Frage: Gleichwohl sind Ihr Forschungsobjekt und Ihre Thematik für diese Jahre doch eher ungewöhnlich? Man würde sagen: emanzipatorisch sogar.

Wald: Ich gehöre zu den fünf Prozent Hochschullehrerinnen, inzwischen sind es ein paar mehr, die es damals gab. Ich war zuerst an der Bergischen Universität nur angestellt und kam auch nicht weiter. Der schöne Spruch der Hochschulverwaltung hieß: "Die guten Stellen sind für die Beamten." Und als ich merkte, dass da für mich kein Weiterkommen war, da war mir dann "Bruder Johannes" wohlgesonnen (Anm. d. Red.: Bundespräsident Johannes Rau). Und Sie wissen ja, "Bruder Johannes" gehört in die mütterliche Linie.

Frage: Was war das Bedeutsamste, das Sie erlebt haben?

Wald: Also, ich hab´ zwei- oder dreimal Hitler gesehen. Einmal war er bei uns zum Tee im Grunewald. Er hat mich gar nicht beeindruckt. Da bin ich also ganz die Tochter meiner Mutter. Und das Bedeutsamste in meinem Leben? - Ja, Kriegsende, das Verschollensein des Vaters: Ich bin mal mit dem Rad - auf ´nem klapprigen Fahrrad - nach Gummersbach gefahren, weil es hieß, er wär´ von Nürnberg dorthin überstellt worden. Das war natürlich nicht der Fall. Bedeutsam für mich war, nichts zu tun, was ihm Unehre gemacht hätte. Mein Vater wäre übrigens sehr gerne in die Wissenschaft gegangen, bloß war das damals für einen kleinen Bauernjungen als Privatdozent völlig unmöglich. Dann wären wahrscheinlich seine und meine Lebensgeschichte ganz anders gelaufen.

Frage: Wenn Sie eine Quintessenz ziehen sollten aus Ihren Erfahrungen, sagen wir mal, in Form einer Botschaft für jüngere Leute, was würden Sie sagen?

Wald: Ich möchte jetzt erst noch was anderes sagen. Sie wissen, dass mein Vater in seinen letzten Lebensmonaten zurückgefunden hat ins Christentum. Und vielleicht ... Meine Mutter war da viel nüchterner und klarer und nicht so euphorisch. Aber ich denke, ich habe zwei Sprüche, die hätte ich auch gern auf meiner Todesanzeige. Der eine heißt: "Gott ist größer als des Menschen Herz." (Anm. d. Red.: 1. Johannes 3, Vers 20: "Daran erkennen wir, ... dass, so uns unser Herz verdammt, Gott größer ist denn unser Herz und erkennt alle Dinge.") Und für meinen Vater und für meine Mutter: "Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg, aber der Herr allein gibt, dass er fortgehe." (Anm. d. Red.: Sprüche 16, Vers 9) Das scheint mir typisch zu sein für beide Eltern. - Etwas, das mich sehr freut: Ich habe also heute ein gutes Verhältnis zu meinen Halbgeschwistern.

Frage: Man könnte ja das, was Sie über Ihre Eltern gesagt haben - auch mit den beiden Bibelzitaten -, das könnte man ja im Grunde als Quintessenz verstehen!?

Wald: Ja! - Ich würde bei meinem Vater sagen: Wenn das zu seiner Zeit und aus seinem Milieu möglich gewesen wäre - wenn er wissenschaftlich bessere berufliche Möglichkeiten gehabt hätte, dann wäre er vielleicht gar nicht auf diesen Weg gekommen. Das sind aber alles Spekulationen.

Frage: Aber das ist ja ein Gedanke, den Sie haben, der eigentlich die ganze Bildungspolitik bewegt oder bewegen sollte: Dass durch möglichst größere Chancen und mehr Möglichkeiten eben auch Irrwege verhindert werden können.

Wald: Ja, hoffentlich.