Herr Euteneuer, wie sah Ihre allererste Begegnung mit dem Tod aus?
Euteneuer: Als ich fünf Jahre alt war, ist meine Oma gestorben. Meine Mutter stammt aus Ex-Jugoslawien, da verabschiedet man sich traditionell am offenen Sarg. Bei der Trauerfeier hielten alle Abstand - nur ich bin hingerannt, habe Omas Hand genommen, gefühlt, wie kalt sie war, sogar daran gerochen. Da hat mein Vater schon gesagt: „Alles klar, der wird Bestatter.“
Und wann war Ihnen selbst klar, dass Sie Bestatter werden wollen?
Euteneuer: So mit 13. Ich habe dann schon als Schüler bei einem befreundeten Bestatter bei uns im Ort ausgeholfen. Letztendlich war ich lieber da als in der Schule.
Die meisten Menschen gehen dem Thema Tod lieber aus dem Weg.
Euteneuer: Stimmt. In der sechsten Klasse mussten wir eine Mappe zu unserem Wunschberuf machen. Alle anderen wollten Pilot werden, Anwalt oder Arzthelferin. Auf meiner Mappe stand „Bestatter“. Gut, das Verhältnis zu meinem Deutschlehrer war eh schwierig - aber er hat sie gleich weggeworfen mit den Worten: „Das ist doch kein Beruf, das ist ekelhaft!“
Haben die Leute solche Angst vor der Konfrontation mit dem Tod?
Euteneuer: Ich glaube schon. Man hat halt so seine Vorstellungen, wie ein Toter aussieht, es sind ja nicht alle friedlich eingeschlafen, das ist ja schon so eine Sache. Ich finde - das mag berufsbedingt sein - den Tod nicht so schlimm, das wird schon seinen Sinn haben.
Leben Sie anders, weil Sie sich so viel mit dem Tod beschäftigen?
Euteneuer: Ich versuche, mein Leben zu genießen, Spaß zu haben, viel feiern zu gehen, meine Freunde oft zu sehen - man weiß eben nie, ob man alle wiedersieht. Ich sehe dem Tod aber locker entgegen. Es gibt ja diesen Satz „auch der Tod gehört zum Leben“ - das stimmt, finde ich.
Sind Sie religiös?
Euteneuer: Eigentlich nicht. Aber ich habe das ein paar Mal erlebt, auch bei meinem Opa, dass Sterbende genau wussten, wann es so weit ist. Ich glaube, irgendeiner gibt einem dann ein Zeichen - also muss da jemand sein.
Der Umgang mit trauernden Angehörigen ist doch sicher sehr schwierig. Mussten Sie das erst lernen?
Euteneuer: Das kann man gar nicht lernen. Man braucht Erfahrung und vor allem Menschenkenntnis. Man muss einschätzen können, ob man ernst bleiben sollte oder ob jemandem ein kleiner Scherz zum Auflockern der schweren Situation ganz gut tut - oder ob er jemanden braucht, der seine Hand nimmt und tröstende Worte findet.
Welche Beisetzung ist Ihnen persönlich besonders schwer gefallen?
Euteneuer: Die des Fußballtrainers, der auf dem Platz tot umgefallen ist. Da waren die ganzen Jungs aus seinen Mannschaften, die waren zwischen 10 und 15 Jahre alt und total fertig. Alle haben so geweint, da hatte ich auch eine Gänsehaut und Tränen in den Augen.
Darf man als Bestatter weinen bei einer Beerdigung?
Euteneuer: Beruflich ist mir das sonst noch nicht passiert, privat natürlich schon. Für mich sind Beerdigungen eben normaler Alltag - ich versuche natürlich, mit den Trauernden mitzufühlen, aber wenn das zu weit geht, ist das nicht gut. Wenn ich über jeden Sterbefall nachdenken würde, wäre ich im falschen Job.
Was gefällt Ihnen an Ihrem Job am meisten?
Euteneuer: Tatsächlich die Arbeit mit den Toten, das Waschen, das Herrichten für die Aufbahrung - so, dass man dem Toten im Sarg ansieht, dass er seine Ruhe gefunden hat, dass da zum Beispiel keine Schläuche mehr an seinem Körper sind, er wieder eigene Kleidung trägt, man ihm ansieht: Er hat keine Qualen mehr. Ich habe den Eindruck, dass es den Trauernden gut tut, den Toten noch einmal so zu sehen. Nach der Ausbildung möchte ich mich deshalb zum Thanatopraktiker weiterbilden lassen, das ist ja oft eine fast künstlerische Arbeit.
Wenn man so viel mit dem Tod zu tun hat - hat man da auch schon ganz konkrete Vorstellungen für die eigene Beerdigung?
Euteneuer: Das klingt wahrscheinlich merkwürdig, aber wenn ich mit Angehörigen in unserem Sargkatalog blättere, denke ich manchmal schon: Wie würdest du da drin wohl aussehen? Ich habe auch schon zwei Favoriten: entweder den dunklen Kiefernsarg mit Goldrand oder den amerikanischen Truhensarg aus Eiche mit Extrafach für Abschiedsbriefe. Der ist allerdings auch ziemlich teuer, von daher wird es wohl eher die Kiefer. Ein mittlerer Sarg, kaum Deko, eine Feier mit den engsten Angehörigen und eine Erdbestattung - so stelle ich mir das vor.