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Interview mit Lincoln-Experte GersteDer Mensch hinter dem Mythos

12 min

Abraham Lincoln (1809-1865)

Herr Gerste, wie werden die USA den 200. Lincoln-Geburtstag feiern?

Der Anlass ist bekannter, als man es beim runden Geburtstag einer historischen Persönlichkeit erwarten würde. Wenn wir ein Einstein-Jahr oder Schiller-Jahr haben, dann gibt es Kampagnen mit schönen Postern, dann gibt es Ausstellungen – das gibt zu Lincolns 200. Geburtstag in den USA auch. Aber dieser große Präsident ist natürlich besonders im Gespräch – auch bei den jungen Leuten und bei denen, die sich sonst nicht für Geschichte interessieren. Das liegt an Barack Obama und den Ereignissen der letzten Monate. Es ist natürlich eine tolle historische Koinzidenz, dass wenige Wochen vor dem 200. Geburtstag des großen Emanzipators, des Sklavenbefreiers, ein junger, dünner, groß gewachsener und rhetorisch begabter Anwalt aus Illinois – alles wie bei Abraham Lincoln – zum Präsidenten gewählt wird, der auch noch der erste Farbige in diesem Amt ist, der also sozusagen in der Tradition Lincolns steht. Er ist natürlich kein Nachfahre der Sklaven, die Lincoln befreit hat. Aber die Vorfahren seiner Frau Michelle beispielsweise waren Sklaven in South Carolina. Obamas Präsidentschaft ist also eine regelrechte historische Genugtuung für das Wirken Abraham Lincolns.

Der erste schwarze Präsident wird also die Feierlichkeiten zum 200. Lincoln-Geburtsag zelebrieren – das passt ja…

Ja. Das passt, zumal sich Obama ja den ganzen Wahlkampf hindurch auf Abraham Lincoln berufen hat bis hin zu den letzten Tagen vor seiner Amtseinführung: Denken Sie an die Eisanbahnfahrt nach Washington auf der Route, auf der schon Lincoln 1861 nach Washington gefahren ist. Wobei Lincoln das in aller Heimlichkeit tun musste, weil es schon damals Mord-Komplotte gegen ihn gab. Oder die Lincoln-Bibel, auf die Obama seinen Amtseid abgelegt hat. Und es geht jetzt weiter: Am Donnerstag, dem 200. Geburtstag, wird Obama morgens an dem großartigen Lincoln-Schrein am Ufer des Potomac hier in Washington einen Kranz niederlegen und den Tag damit verbringen, das Wirken Lincolns in verschiedenster Weise zu würdigen, und er wird in Springfield, Illionois, am Gala-Essen teilnehmen.

Zugegeben, das ist jetzt Raterei, aber was denken Sie: Hätte es Lincoln gefreut, wenn er gewusst hätte, dass ein schwarzer Präsident seinen 200. Geburtstag zelebriert?

Es hätte ihn gefreut. Und es hätte ihn wahnsinnig überrascht. Abraham Lincoln ist natürlich eine Lichtgestalt der amerikanischen Geschichte, der sich für bitter unterdrückte Menschen eingesetzt hat – die Sklaven. Es ist keine Frage, dass er der Sklavenbefreier ist. Aber Lincoln war natürlich auch ein Kind seiner Zeit. Für ihn waren schwarze und weiße Menschen keineswegs von Natur aus gleich. Er war schon, wie eigentlich alle damals, der Meinung, dass Schwarze Menschenrechte haben, aber doch für bestimmte Dinge nicht so begabt seien wie Weiße. Das heißt, er wäre mit Sicherheit überrascht, dass es so weit gekommen ist und dass sein Land sich aufgerafft hat, einen schwarzen Mann zum Präsidenten zu wählen.

Neben der Sklavenbefreiung und der Verteidigung der nationalen Einheit gilt Lincoln auch als radikaler Verfechter der Demokratie.

Ja, er steht für ein unglaublich nobles Experiment der Demokratie: 1864, mitten im Bürgerkrieg, in einem Krieg, in den fast jede Familie im Land involviert war, hat sich der Mann, der politisch im Wesentlichen dafür verantwortlich war, den Wählern gestellt. Das war etwas völlig Neues. Die Zeitzeugen in Europa haben wahrscheinlich nur den Kopf schütteln können darüber, dass sich ein Staatsmann , der einen fast verlorenen Krieg führt, zur Wahl stellt. Und zwar denjenigen zur Wahl stellt, die die schlimmsten Opfer bringen, nämlich den Soldaten. Die wurden sogar vom Schlachtfeld nach Hause geschickt, damit sie abstimmen konnten. Die Opposition waren damals die Demokraten, die eine Art Friedensplattform hatten. Und doch haben die Soldaten Lincoln im Amt bestätigt. Er war also nicht nur ein Sklavenbefreier, sondern auch ein unerschütterlicher Verfechter des demokratischen Gedankens, dass die Menschen über ihre Regierung entscheiden müssen, und zwar ganz egal, unter welchen Umständen. In dem Zusammenhang muss man erwähnen, dass es im Süden noch heute viele Menschen mit Konföderierten-Flagge am Auto gibt, die die alten Werte des Südens hochhalten und von der „tollen Epoche“ damals schwärmen. Aber das Regime im Süden hat sich nie den Wählern gestellt.

Aber Jefferson Davis, der Präsident der Konföderierten Staaten von Amerika, ist doch auch gewählt worden?

Nein. Jefferson Davis ist indirekt gewählt worden von den Deputierten der einzelnen abgefallenen Staaten, aber er hat sich nie einem Votum der Menschen gestellt.

Sie haben schon einige Punkte aufgezählt, die den nachhaltigen Reiz der Figur Lincoln bis heute ausmachen. Inwieweit wirkt der lange Schatten des 16. Präsidenten bis heute auf die politische Kultur in den USA?

Diese Frage wird auch in den USA viel besprochen. Dass man in Zeiten einer großen Krise die Parteileidenschaften hinter sich lassen und als Land einheitlich denken soll. Lincolns oberstes Ziel war ja auch nach dem Ende des Bürgerkrieges die Einheit des Landes. Er wollte zum Beispiel überhaupt keine Art von Rache, er wollte keine juristische Aufarbeitung der Rollen der Führungspersönlichkeiten des Südens. Direkt nach dem Krieg wollte er, dass wirklich alle anpacken, um das Land wieder stark zu machen. Dazu kam es nicht mehr, weil Lincoln kurz nach dem Bürgerkrieg ermordet wurde. Aber wenn Obama jetzt sagt, dass er keine Demokraten und keine Republikaner kennt, sondern nur Amerikaner, dann bezieht er sich damit natürlich ein bisschen auf Lincoln. Allerdings ist abzusehen, dass der politische Gegner das nicht mitmachen wird.

„Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche“ – Sie wollen aber nicht sagen, dass sich Kaiser Wilhelm II. diesen Satz 50 Jahre später von Lincoln ausgeborgt hat, oder?

(lacht) Nein, das glaube ich nicht. Wilhelm II. hatte sicher sehr, sehr wenig mit Abraham Lincoln gemeinsam. Aufrufe zu nationaler Einheit sind in Kriegszeiten natürlich in jedem Land zu finden, aber im Unterschied zu Wilhelm II. war Lincoln demokratisch vollkommen legitimiert und konnte sich als Stimme der Bevölkerung fühlen.

Steven Spielberg bereitet einen Film über Lincoln vor, Liam Neeson soll die Hauptrolle. Wird Abraham Lincoln jetzt ein Popstar?

Die Frage ist berechtigt. Lincoln ist wieder verstärkt ins Bewusstsein der Amerikaner gerückt. Die meisten Amerikaner antworten auf die Frage nach dem größten US-Präsidenten nicht mit „George Washington“, sondern mit „Abraham Lincoln“. Er hat seinen festen Platz. Aber er ist in letzten 100 Jahren auch zu einer Art Übervater geworden, allein durch dieses gewaltige Marmor-Monument hier in Washington, das Lincoln als entrückte, überlebensgroße Figur zeigt. Aber darüber hinausgehend ist vielen Amerikanern durch die Ereignisse der letzten Monate bewusst geworden, dass sein Wirken im täglichen Leben spürbar ist. Die Ausstellungen, die jetzt laufen, versuchen, den Menschen hinter dem Mythos zu zeigen. Spielberg wird das sicher auch versuchen. Lincoln war ja keine reine Lichtgestalt, er hat auch seine schwachen Seiten gehabt. Er hat auch unter Problemen gelitten, ob’s in der Ehe war, ob’s seine depressiven Zustände waren. Er war ein oft unsicherer, ein an sich selbst zweifelnder Mann, der die Zweifel aber immer wieder überwunden hat.

Sie sprachen eben die Leute im Süden der USA an, die heute noch Könföderierten-Aufkleber am Auto haben. Gibt es dort heute andere Idole als im Norden? Robert E. Lee, der charismatische Oberbefehlshaber der konföderierten Armeen, hatte am 19. Januar 2007 seinen 200. Geburtstag. Ist das gefeiert worden?

Bei weitem nicht in dem Umfang wie jetzt bei Lincoln, aber Sie haben recht: Zu Lincolns Geburtstag gibt es im Süden auffällig wenig Veranstaltungen. Lincoln ist da immer noch nicht so angekommen, mit Ausnahme von Farbigen oder Zugezogenen aus den großen Städten. Auf den Leserbriefseiten gibt es dort immer noch kritische Stimmen, die fragen: „Warum sollen wir Lincoln feiern? Der hat einen gigantischen Krieg mit über 600 000 Toten verursacht.“ Dass Lees 200. Geburtstag im Süden groß gefeiert wurde, ist auch verständlich: Lee war eine große militärische Führungspersönlichkeit, stammte aus einer der großen Familien, sein Vater war an der Seite von George Washington General im Unabhängigkeitskrieg gewesen. Man darf dabei nur nicht vergessen, dass Lee wie andere Südstaatengeneräle auch für einen menschenverachtenden Umgang mit anderen Amerikanern stand, nämlich mit der Art und Weise, wie Südstaatentruppen gefangene schwarze Soldaten des Nordens behandelten, sie teilweise lynchten. Wer Lee oder andere Generäle des Südens oder Jefferson Davis feiert, der feiert natürlich auch die finstere Seite der Konföderation mit.

Was weiß man über das Europa-Bild, das Lincoln hatte? Er ist ja nicht als der reisefreudigste Präsident in die Geschichte eingegangen. Und andersrum: Wie hat Europa die Situation in Nordamerika während Lincolns Präsidentschaft wahrgenommen?

Bemerkenswerterweise war Lincoln einer der ganz wenigen Präsidenten, die keine Fremdsprache kannten und niemals eine Auslandsreise unternommen haben. Lincoln hat über Europa nur aus Büchern gelernt und Europa spielte notgedrungen in den vier Jahren seiner Präsidentschaft keine große Rolle, weil die innenpolitische Situation ihn völlig auslastete. In England und Frankreich, den damals führenden europäischen Mächten, gab es unterhalb der Hocharistokratie zumindest Sympathien für die Konföderierten. Man glaubte, Ähnlichkeiten mit der Südstaaten-Aristokratie zu entdecken. Aber Lincoln hat sehr schnell gelernt und eine sehr zielsichere Außenpolitik betrieben, um diese beiden Länder nicht zu vergraulen. Und er hatte mit William Seward einen sehr fähigen Außenminister. Seward war in den Vorwahlen Lincolns Hauptrivale und vorher Senator in New York gewesen - übrigens noch so eine erstaunliche Parallele zu Obama und Hillary Clinton.

Zeitgleich zu Lincoln zog in Preußen Bismarck die Fäden, der aber eigene Sorgen hatte. Gab es trotzdem so etwas wie preußisch-amerikanische Beziehungen?

Kurz nach Lincolns Ermordung gab es eine Solidaritätsadresse seitens des preußischen Landtages und ähnlich reagierten auch andere Teile Deutschlands und Europas. Damals war man als Zeitungsleser in Europa bereit gut informiert über das Weltgeschehen. Es gab bereits Transatlantikkabel, so dass Nachrichten beinahe in Echtzeit in Europa ankamen. Bismarck beispielsweise hat die Politik der Amerikaner sehr genau verfolgt und auch große Stücke auf Lincoln gehalten, obwohl Lincoln von der Biografie her so ziemlich das genaue Gegenteil eines preußischen Junkers war. Aber Bismarck war natürlich absoluter Realist und er hat das staatsmännische Wirken Lincolns registriert und sicher auch bewundert.Preußen hat in den 1860er Jahren selber Kriege geführt, aber die preußischen Generalstäbler haben sich angeschaut, was sich in Amerika tat. Dort wurden die Massen mobilisiert und dort spielte die Eisenbahn eine kriegsentscheidende Rolle, weil große Truppenteile über große Entfernungen sehr schnell transportiert werden konnten. Ein Jahr später, 1866, haben die Preußen das in der Schlacht von Königgrätz erfolgreich umgesetzt, als die verschiedenen Armeekorps’ der preußischen Armee zum richtigen Zeitpunkt eintrafen, um die Österreicher zu schlagen. Umgekehrt hat Amerika auch gerne einen Blick nach Europa geworfen: Den deutsch-französischen Krieg von 1870/71 hat sich General Philip Sheridan angeschaut, einer der profiliertesten Nordstaatengeneräle. Gerade politisch interessierte Europäer, die ein bisschen links standen, haben Lincoln natürlich auch bewundert. Ein Mann aus der Arbeiterklasse, der bis an die Staatsspitze aufsteigt, dann einer herrschenden, Sklaven haltenden Klasse den Kampf ansagt und zur Befreiung der Sklaven aufruft – das hat einen immensen Eindruck hinterlassen.

Wieder so eine Parallele: Dann hätte auch Lincoln in Berlin vor begeisterten Deutschen eine umjubelte Rede halten können?

(lacht) Das hätte er bestimmt tun können – wenn die preußischen Autoritäten ihn gelassen hätten. In Lincolns Armeen dienten ja reihenweise Offiziere bis in den Generalsrang, die aus Preußen kamen, die teilweise preußische Gefängnisse von innen gesehen hatten, weil sie 1848er-Revolutionäre waren.

Für Obama war der Bezug auf Lincoln mit all den Zitaten, der Lincoln-Bibel und anderen Gemeinsamkeiten ein großes Wahlkampf-Thema. Ein Thema, dass sich seinem Wahlkampfteam eigentlich von alleine aufdrängte, an dem Obama gar nicht vorbeikam…

Nein, er kam nicht dran vorbei. Obama wird Lincoln sicherlich ehrlich bewundern. Aber die Anleihen bei dem größten Präsidenten, der anlässlich seines 200. Geburtstages auch selbst bald wieder im Mittelpunkt stehen wird, das war natürlich auch Wahlkampftaktik. Es lag aber auch auf der Hand, dass man die Gründe analysieren würde, wie es dazu kam, dass zum ersten Mal in der Geschichte der USA ein schwarzer Kandidat in wirklich aussichtsreicher Position war. Und so landete man automatisch wieder bei Lincoln.

Kann dieser Lincoln-Bezug für Obama auch zur Bürde werden, nämlich dann, wenn sich seine Ergebnisse einfach nicht messen können mit Lincolns Erfolgen? Andersrum: Könnte Obama auch in einem Krisen-Szenario auf Lincoln verweisen und auf die über 600 000 Toten im Bürgerkrieg, die der Preis für eine „gute Sache“ waren?

Es wird sicher problematisch, wenn Obama überhaupt keinen Erfolg hat, etwa bei der Bekämpfung der Wirtschaftskrise oder außenpolitisch. Aber letztlich liegt die Versuchung oder die Gefahr darin: Angenommen, es käme zu einer wirklich gravierenden außenpolitischen Krise, zu einem Konflikt, dann ist natürlich die Versuchung da, zu sagen: Unter unserem großen Präsidenten mussten wir auch Opfer bringen. Das heißt: Anleihen nicht nur bei Lincoln, dem Sklavenbefreier, dem Verteidiger der Demokratie, sondern auch bei dem Lincoln, der einen Krieg, als er ihm unausweichlich schien, entschlossen und gegen alle Widerstände führte. Die lincolnsche Entschlossenheit wäre für Obama, der sich so sehr auf ihn beruft, ein bisschen eine Verpflichtung. Oder eine Bürde.

„Es gibt schlechtere politische Vorbilder als Abraham Lincoln.“ Stimmen Sie dem Satz zu?

Absolut, schlechtere Vorbilder gab es in den letzten Jahren hier in den USA ja auch genug. Nur: Dass Lincoln so ein Mythos, so eine verehrungswürdige und verehrte Gestalt wurde, hat natürlich auch mit seinem traurigen Ende zu tun. Niemand weiß, wie er betrachtet würde, wenn er nach der Wiederwahl von 1864 eine volle Amtszeit vor sich gehabt hätte und sich möglicherweise bei der Rekonstruktion des Landes in unzähligen administrativen Problemen verstrickt und aufgerieben hätte; ob er dann als ein durchschnittlicher Präsident gegolten hätte. Lincoln wurde mit dem Tag seines Todes zum Mythos. Jede Kritik erstarb, auch beim politischen Gegner. Dieses tragische Ende als erster Präsident, der ermordet wurde, hat sicherlich zum Mythos des nationalen Übervaters beigetragen. Da kann man natürlich nur hoffen und wünschen, dass dem neuen Präsidenten diese Vorbildfunktion erspart bleibt. Aber, das muss man auch sagen, in den ganzen Zeiten des Wahlkampfes und auch jetzt, wenn man eingefleischte Obama-Fans darauf anspricht: Diese Sorge besteht nach wie vor. Man muss nur aufzählen: Abraham Lincoln, John F. Kennedy, Robert Kennedy, Martin Luther King – die amerikanische Geschichte ist leider voll von großen Persönlichkeiten, die dem Land auf der Höhe ihrer Ausstrahlung genommen wurden. Da ist der Wunsch, diesmal möge das Schicksal einen anderen Verlauf nehmen, weit verbreitet.