Der Klimawandel verändert die Welt des Wattenmeeres: Immer mehr Austern machen sich vor der Westküste breit und verdrängen die Miesmuscheln.
Sie ist in jungen Jahren nur einige Zentimeter lang und sehr flach, und doch gilt sie als derzeit auffälligste ökologische Veränderung im Wattenmeer: Die Pazifische Auster (Frassostrea gigas) ist auf dem Vormarsch, und nicht nur vor Sylt, sondern auch in Büsum und Meldorf, sogar in Dithmarschen. „Möglicherweise steht das Wattenmeer vor einer grundlegenden Veränderung“, heißt es in einem Bericht der Wissenschaftler Georg Nehls und Heike Büttger (Bio Consult SH) über Ausbreitung und Nutzung der Pazifischen Auster.
Nehls: „Inzwischen sind Pazifische Austern in allen Teilen des Wattenmeeres präsent und kommen in einzelnen Exemplaren überall an Steinkaten und Hafenmolen vor.“ Vor Sylt haben die Austern bereits einige Muschelbänke „übernommen“. Jetzt im Sommer laichen die Austern ab, die Larven siedeln sich auf Muscheln, Schill, Seepocken oder Steinen an. Bereits im Herbst werden die ersten Austern etwa einen Zentimeter groß sein und sandige Standorte hinter Sylt und Amrum bevorzugen.
Während die Austern auf dem Vormarsch sind, ziehen sich die Miesmuscheln offenbar zurück. Zu diesem Ergebnis kommen jedenfalls Georg Nehls und Heike Büttger. Grund ist der Klimawandel. „Miesmuscheln brauchen zum Bruterfolg kalte Winter“, sagt Nehls, „und die werden immer seltener.“ Austern aber brauchen warme Sommer, „und jetzt haben wir schon wieder einen.“ Ein „Wechsel von der Muschelbank zum Austern-Riff sei daher in einigen Bereichen zu erwarten - und damit verbunden eine Kettenreaktion. Denn einige Vögel, unter ihnen Eiderente und Silbermöwe, nutzen die Muschelbänke als Nahrungsquelle, sind von Austern aber offenbar nicht gerade begeistert. So schlucken Eiderenten Miesmuscheln im Stück, also mit Schale. Die großen, scharfkantigen Austern sind als Komplettmenü eher ungeeignet. Selbst der Austernfischer macht seinem Namen keine Ehre und verzehrt Miesmuscheln, keine Austern. Wahrscheinlich werden sich die Austern nun noch wesentlich stärker verbreiten, denn sie haben nahezu keine natürlichen Fressfeinde.
Und auch der Mensch dürfte die „wilde“ Auster wohl in Ruhe lassen. Geschmacklich unterscheidet sie sich zwar nicht von den kultivierten Exemplaren ihrer Gattung. Ästhetisch allerdings gibt es durchaus Unterschiede. Seepocken verunstalten die krumm und schief gewachsenen Austern ebenso wie der Hang zum Verklumpen mit anderen Artgenossen. Georg Nehls ahnt, dass sie kaum markttauglich sind: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Leute gerne einen zwei Kilo schweren Austernklumpen auf dem Tisch hätten.“
