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„Jetzt kann kommen wer will“

4 min

BERGHEIM. Der Keller im Neubau von Alban Mayer am Paffendorfer Weg versetzt die Fußballfreunde ins Kölner RheinEnergie-Stadion. Die Wandbemalung mit Geißbock, Tribünen, grünem Rasen und Fahnen schwingenden FC-Fans vermittelt das Gefühl, mitten im Stadion zu sein. Die FC-Freunde und Alten Herren des FC Bergheim 2000, dem Heimatverein von Lukas Podolski, erleben das Spiel Deutschland gegen Argentinien in einer besonderen Atmosphäre. Deutschland gegen Agentinien inmitten von begeisterten Podolski-Fans auf Holzbänken vor einer Großleinwand, welch ein Gefühl. Schon der Auftakt bringt Gänsehaut: Die Hymne wird textsicher mitgesungen, der Bergheimer Podolski in Großaufnahme, „Deutschland, Deutschland“-Rufe, Pauken und Trompeten, so als sei man live im Stadion in Berlin. Die deutsche Elf hat Anstoß.

Die Tipps der Bergheimer Fußballfreunde sind eindeutig. 3:1 tippt Dieter Bloschack, lange Jahre in verschiedenen Vereinen des Fußballkreises aktiv und heute noch Spieler der Bergheimer Alte Herren. 1:0 oder 2:1 tippen die meisten seiner Teamkollegen, natürlich für Deutschland. Dass das Spiel verloren gehen könnte, für diesen Zweifel erntet man nur Unverständnis.

Auch Brigitte Gierling tippt 3:1 für Deutschland, hat aber „vom Bauchgefühl her schon ein bisschen Sorge“. „Die gelbe Karte für Lukas Podolski war vollkommen ungerecht“, schimpft sie nach den ersten hektischen Minuten der Partie. „Der Lukas wohnt ja in Kenten“, bemerkt das von Kind an fußballbegeisterte Mitglied des CfR Kenten nicht ohne Stolz. Brigitte Gierling bringt als erste Frau im Vorstand des CfR, der inzwischen mit Jugend 07 zum FC Bergheim 2000 fusionierte, Fußballverstand mit.

„Die Argentinier haben den Poldi provoziert“, weiß Helmut Mertens, lange Jahre Vorsitzender des Bergheimer Fußballvereins. Zur Pause steht es 0:0. In Albans Keller ist die Welt noch in Ordnung. Und dann ein kollegtives Aufstöhnen: „Nein, Nein“. Für einige Minuten weicht die tolle Stimmung verzweifelndem Kopfschütteln. Deutschland liegt mit 0:1 im Rückstand.

Und es war bis dahin nicht das große Spiel für Lukas Podolski. Der Bergheimer Stürmer müht sich, kommt aber kaum zum Schuss auf das argentinische Tor.

Erst als David Odonkor eingewechselt wird, kommt neuer Schwung ins Spiel der Klinsmann-Elf. „Wenn die jetzt das 1:1 machen, gewinnen wir das Spiel“, gibt Helmut Mertens seinen fachmännischen Kommentar ab, während die jungen Leute „Poldi, Poldi“ rufen. Unglaubliche Szenen spielen sich beim erlösenden Kopfballtreffer von Miroslaw Klose zum 1:1 in der 80. Spielminute ab. Ganz Bergheim liegt sich in den Armen. Albans Keller bebt.

„Super Lehmann, super Lehmann“, klingt es wenig später, als der deutsche Torwart einen Ball aus der linken unteren Ecke fischt: Schlusspfiff, Verlängerung und dann das Elfmeterschießen. „Wenn der Poldi den rein macht, ist das Ding gelaufen“, sind sich die Bergheimer Fußballfreunde sicher, nachdem Oliver Neuville und Michael Ballack die ersten beiden Elfmeter versenkt haben. Poldi trifft, und Jens Lehmann wird zum Helden.

Was sich danach im Berliner WM-Stadion abspielt, bekommen die rund 50 jubelnden Fans in Albans Keller gar nicht mehr mit. Sie liegen sich in den Armen, tanzen auf den Bänken, jubeln, schreien und drängen nach draußen, wo sich auf der Kirchstraße die ersten Autos mit der schwarz-rot-goldenen Fahne hupend in Bewegung setzen. „In Richtung Kenten“, wie Brigitte Gierling behauptet.

„Jetzt werden wir auch Weltmeister“, sind sich die Gastgeber Alban Mayer und Dieter Lesnick einig. Morgen sind die FC-Freunde beim Spiel gegen Italien wieder im Keller mit der Stadionkulisse. „Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin“, singen sie und meinen damit den Einzug der deutschen Elf ins Finale. Dass das Halbfinale in Dortmund ein ähnlicher Krimi werden könnte, daran denkt jetzt noch niemand.

„So stark sind die Italiener auch nicht, jetzt kann kommen wer will. Die packen wir“, sagte Andreas Baumgärtner am Samstag zum Einzug der Italiener ins Halbfinale. Dass es auch anders kommen kann, haben die Franzosen demonstriert. Zidane und Henry verabschiedeten den großen Favoriten Brasilien aus dem Turnier. Aber Deutschland gegen Frankreich wäre ja auch ein schönes Endspiel.