Brühl – Es war eine Begegnung mit Folgen. Als Jürgen Brand die Buchhandlung von Karola Brockmann in Brühl vor wenigen Monaten betrat, ahnte er noch nicht, dass bald seine Manuskripte über die Hafterlebnisse in der ehemaligen DDR als Buch erscheinen würden. Beide kamen ins Gespräch und merkten, wie sehr eine Veröffentlichung über solche Geschehnisse ihnen am Herzen lag.
Der Verlag „epubli“ zeigte Interesse, das Buch wurde (im 50. Jahr des Mauerbaus) in den vergangenen Woche bereits auf der Leipziger Buchmesse vorgestellt und am Montag in der Brühler Buchhandlung Brockmann der Öffentlichkeit präsentiert. Jürgen Brand wirkte bei seinem Besuch bescheiden und anfänglich etwas zurückhaltend. Doch im Laufe des Gespräches wurde klar, dass dieser Mann einiges hinter sich hat und darüber auch etwas zu sagen hat. „Vor allen Dingen denjenigen, die meinen, es sei alles nicht so schlimm in der DDR gewesen", erklärte er.
1952 in Magdeburg geboren, absolvierte Jürgen Brand dort eine Lehre bei der Eisenbahn. Mit 23 Jahren stellte er 1975 seinen ersten Ausreiseantrag. Ein Jahr später wurde er verhaftet und bekam 20 Monate Zuchthaus. Danach schrieb er Briefe an westdeutsche Ämter und das westdeutsche Fernsehen, die natürlich abgefangen wurden. Wie er später aus seinen Akten entnehmen konnte, behaupteten Mitarbeiter der Staatssicherheit, er plane eine Flucht aus der DDR. 1978 wurde er von einem DDR-Gericht erneut zu zwei Jahren und vier Monaten Gefängnis verurteilt. Er kam in das Zuchthaus Torgau.
Hier verweigerte er den politischen Unterricht, die militärische Körperertüchtigung sowie die Zwangsarbeit. Die Folge: Einzelarrest und Isolationshaft. Hungern und Verhöre standen auf der Tagesordnung. 1981 durfte er die DDR verlassen und lebt seit 1984 in Brühl, wo er viele Jahre in den Mauser-Werken gearbeitet hat.
Im Rückblick fühle ich mich hier „angenommen und angekommen“, äußerte er. „Was mich im Osten im Gefängnis am Leben erhalten hat“, erzählte der heute 59-Jährige, „war der Gedanke, mich nicht unterzuordnen. Und ich wollte unbedingt ausreisen.“ Dafür hat er einen hohen Preis bezahlt.
Die Erinnerungen wiegen schwer, er leidet bis heute unter einer posttraumatischen Belastungsstörung. Das Schreiben, mit dem er begonnen hatte um die Anträge für eine Haftopferrente und für eine Rente aufgrund der gesundheitlichen Schäden aus der DDR-Haft zu kämpfen, ist für ihn zu einer „Art Befreiung und zu einem Stück Aufarbeitung der Vergangenheit geworden“. „Aber so etwas einfach vergessen kann man nie“, sagt er weiter. „Es ist mir wichtig geworden, darüber die Wahrheit zu sagen. Wer es wissen möchte, kann es gern nachlesen.“
Inzwischen habe er auch seine alte Heimat Magdeburg besucht, doch die Vorstellung, dort auf Täter zu treffen, bereite ihm großes Unbehagen. An diese Adresse hat er nur einen Satz übrig: „Sie sollten sagen, was sie getan haben und sich dafür entschuldigen.“
Das Buch „Hafterlebnisse eines DDR-Bürgers“ von Jürgen Brand ist im März 2011 im Verlag epubli erschienen. Es kostet 19,80 Euro und hat die ISBN-Nummer: 978-3-8442-0171-0.
