Oberberg – „20 Prozent der Kinder sind ihren Eltern komplett egal!“ sagt Stefan Bartsch, Leiter des katholischen Jugendzentrums „Horizont“ in Lindlar. Kein Wunder, dass sich der Nachwuchs dann in den Einrichtungen der offenen Jugendarbeit wohler fühlt als in den heimischen vier Wänden. Hier können sie ihre Probleme loswerden, sich mit den Sozialpädagogen besprechen, sich Rat und Hilfe holen. Längst vorbei die Zeiten, da in den Jugendzentren nur Freizeitanimation angeboten wurden; heute steht Erziehungsarbeit im Vordergrund.
Seismographen für gesellschaftlichen Wandel
Wie sehr sich die Arbeit in den Jugendzentren verändert hat, darüber informierten Bartsch und seine Kollegin Gitta Esch von der Begegnungsstätte Hackenberg jetzt den Kreisjugendhilfeausschuss. Über sein Jugendamt trägt der Kreis wesentlich zur Finanzierung der elf Jugendzentren in seinem Zuständigkeitsbereich bei, die von den unterschiedlichsten Trägern betrieben werden.
Die Jugendzentren sind ein guter Seismograph für gesellschaftliche Veränderungen. „Dass immer mehr junge Mädchen schwanger werden, haben wir vor Jahren schon beobachtet“, berichtete Esch. Diese Veränderungen frühzeitig wahrzunehmen und sich darauf einzustellen oder dagegen vorzugehen, ist wichtige Aufgabe der Sozialpädagogen in den Jugendzentren. Ein Vertrauensverhältnis zu den Kindern und Jugendlichen aufbauen, ihnen Kompetenzen vermitteln und Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten, ihnen einen Wertekanon aufzeigen und vorleben, aber ihnen auch Grenzen ziehen und diese erfahrbar machen - das klingt nach gutem Elternhaus, tatsächlich aber erleben viele Jugendliche so etwas nur im Jugendzentrum. Kein Wunder, dass die Mitarbeiter dort nicht selten mit „Mama“ oder „Papa“ angesprochen werden. „Wir versuchen aufzufangen, was die Eltern nicht leisten“, sagt Bartsch.
Drogen, Gewalt, Alkohol oder die „Loverboys“, die 13-jährigen Mädchen die große Liebe vorgaukeln, um sie dann in die Prostitution zu drängen - „das sind in der Menge nicht die Probleme wie in Köln-Chorweiler, aber das alles gibt es auch in Oberberg.“
Aufgaben überfordern die Sozialarbeiter
Die Aufgaben wachsen den Mitarbeitern in den Jugendzentren immer öfter über den Kopf. Ihre eigenen Familien rebellieren, es kommt zu Trennungen und Scheidungen. Weil sie sich nicht um all die Problemlagen der Kinder und Jugendlichen angemessen kümmern können, haben die Sprecher der Jugendzentren den Jugendhilfeausschuss jetzt um Geld für mehr Personal gebeten.
Beim Kreisjugendamt hat man Verständnis für die Forderung. Eine Arbeitsgruppe ist schon dabei, einen an den neuen Erfordernissen orientierten Aufgabenkatalog für Jugendzentren zu erarbeiten - einschließlich des dafür nötigen Personalbedarfs. Jugendamtschef Heinz Thelen ist zuversichtlich, durch Umschichtungen im Jugendamtsetat Geld für mehr Personal aufbringen zu können.