Nanyuki - Adil massiert das stoppelige Euter seinerKamelstute, greift dann mit jeder Hand eine Zitze und lässt die Milchin den Blecheimer zischen. Ein lautes Blöken, Gurgeln und Röchelnliegt in der kühlen Morgenluft. Im Hintergrund der Akazienlandschaftzeichnet sich die Silhouette des Mt. Kenya ab, des gewaltigenFünftausenders, der tagsüber meist von Wolken verhüllt ist. AdilsBruder hält den Eimer unter das Euter, bis er halb voll ist.
Dann wischt er sich die weißen Spritzer aus dem Gesicht und gießtdie frische Kamelmilch langsam durch ein Baumwolltuch in eine großeAluminiumkanne. Den Milchschaum, der auf dem Tuch zurückbleibt,streift er in einen kleinen Eimer ab. Die Kamelhirten nutzen ihnspäter, um auf einem kleinen Feuer ihren Tee mit viel Milch undZucker zuzubereiten.
"Wir liefern jeden Tag 75 Liter Kamelmilch an die Molkerei",erzählt Adil und schlürft vorsichtig den heißen Tee. "Früher habe ichnur Geld verdient, wenn ich Kamele verkauft habe", sagt er. "Jetztbekomme ich regelmäßig etwas." Für jeden Liter, den er zur Molkereibringt, erhält er knapp 50 Cent. Tagsüber streifen die einhöckrigenKamele auf Futtersuche durch die Landschaft. Abends werden sie in sogenannte Bomas getrieben, Einfriedungen aus dornigem Buschwerk.
Der 25-Jährige vom Stamm der Somali hat den Umgang mit Kamelen vonseinem Vater gelernt. Die meiste Zeit ist er bei seiner Herde, dieknapp 100 Tiere umfasst. Eine Kamelstute produziert etwa zwölf LiterMilch am Tag, davon sind zwei bis drei Liter für den Verkauf. DerRest ist für das Jungtier, das in den ersten Wochen aussieht wie einkrauses Wollbüschel auf viel zu langen dünnen Beinen.
Adils Familie lebt in einem Dorf im kargen Norden Kenias, er siehtsie etwa einmal im Monat. Sein drei Jahre alter Sohn Muhammad sollespäter auch mal Kamelhirte werden, meint Adil. Nach kurzem Zögernfügt er hinzu: "Aber wenn ich bis dahin genug Geld habe, dann schickeich ihn erst auf die Schule."
Fettig, salzig, säuerlich, denken viele, wenn sie von Kamelmilchhören. "Danke, ein Schlückchen zum Probieren reicht", hört HolgerMarbach häufig, wenn er seinen Gästen Tee mit Kamelmilch anbietet.Der 42-Jährige aus Sachsen hat 2005 in Nanyuki, einem Örtchen am Fußdes Mt. Kenya, eine Molkerei für Kamelmilch eröffnet. Nach 15 Jahrenin der Entwicklungshilfe wollte der studierte Tropenlandwirt seineigenes Unternehmen aufbauen. "Bei einem Glas Wein mit einem Freundkamen wir auf die Idee, Kamelmilch zu vermarkten", sagt er.
In Kenia, wo etwa eine Million Kamele leben, sind viele Gebietevon Rinder- und Ziegenherden längst überweidet. "Kamele sind vielumweltverträglicher, weil sie andere Pflanzen fressen undTrockenzeiten besser verkraften", sagt Marbach. Bis zu 200verschiedene Pflanzen nimmt ein Kamel zu sich. Der Geschmack derMilch ändert sich je nach Weidegebiet.
Die meisten Besucher schnuppern vorsichtig, nippen ein wenig - undsind dann verblüfft, weil es ihnen kaum aufgefallen wäre, dass sieetwas anderes als Kuhmilch trinken. Marbach genießt diesen Moment undschiebt seinen Gästen anschließend wortlos ein Schälchen Eiscreme zu.Die Sorten klingen verlockend - Macadamia-Karamel, Dattel-Honig oderschlicht Mango. Zuerst testet nur die Zungenspitze, doch dann ist dieganze Portion schnell aufgelöffelt. "Wäre doch schade, wenn esschmelzen würde", sagt Marbach mit wissendem Grinsen.
Seine Molkerei besteht aus zwei Räumen mit blinkendenEdelstahlapparaturen, einem Kühlhaus, das etwa so groß ist wie eineGarage und einem Laster, auf dem das Logo von "Vital Camel Milk"prangt - ein braunes Kamel auf gelbem Grund. Mehrere kenianischeAngestellte mit weißen Gummistiefeln, Kitteln und Hauben sind damitbeschäftigt, die Anlagen blitzsauber zu halten. Es riecht intensivnach Milch, kaum anders als in einer Kuhmolkerei im Sauerland.
"Kamelmilch hat den Ruf, seltsam zu schmecken, weil sie fastnirgendwo unter hygienischen Bedingungen verarbeitet wird", erklärtMarbach. "Wenn sie von ausgewählten Herden kommt und ordentlichpasteurisiert und gekühlt wird, schmeckt sie richtig gut." Er träumtdavon, frische Kamelmilch nach Europa zu exportieren und sie dort alsNaturheilmittel zu vermarkten. Doch davon halten ihn derzeit noch diestrengen EU-Vorschriften für den Agrarmarkt ab.
Somalis und andere Nomadenstämme wissen traditionell, wie gutKamelmilch für die Gesundheit ist. Manche ernähren sich fastausschließlich davon. Allgemein haben Muslime eine positiveEinstellung zu Kamelen, da das Tier im Koran eine wichtige Rollespielt. Doch die wissenschaftliche Erforschung der Heilkraft vonKamelmilch hat gerade erst begonnen.
"Die Milch enthält ein Eiweiß, das dem menschlichen Insulinähnlich ist", erklärt Marbach. "Da besteht große Hoffnung fürDiabetiker." Bei Versuchen in Indien hätten Zuckerkranke, die täglicheinen halben Liter Kamelmilch tranken, bis zu einem Drittel wenigerInsulin spritzen müssen. Einer der Patienten habe dank der Kamelmilchganz auf zusätzliches Insulin verzichten können. Eine ähnliche Studiesoll nun auch in Kenia gemacht werden.
Kamelmilch eigne sich außerdem gut für Allergiker und Menschen,die an Bluthockdruck oder Magengeschwüren leiden, sagt Marbach. Erhofft darauf, dass die gesundheitsfördernde Wirkung bald so bekanntwird, dass Kamelmilch von dem EU-Einfuhrverbot ausgenommen wird undes zumindest in die Naturkostläden schafft. "Die Milch darf derzeitnicht exportiert werden, weil es in Kenia Maul- und Klauenseuchegibt. Dabei können Kamele das gar nicht bekommen", sagt er.
Allerdings werde Kamelmilch für viele Diabetiker im Vergleich zuInsulin ohnehin zu teuer sein. Marbach schätzt, dass derVerkaufspreis in Europa bei etwa acht Euro pro Liter liegen würde.
Da Kamelmilch ein sehr empfindliches Produkt ist, müssen diesomalischen Hirten auf größte Sauberkeit achten. Die Gesellschaft fürTechnische Zusammenarbeit unterstützt ein Trainingsprogramm für dieKamelhirten, in dem sie lernen, Milch so hygienisch wie möglich zubehandeln. John Oguk, ein Mitarbeiter von Marbach, fährt morgens oftzu den Herden hinaus und gibt Tipps zum richtigen Melken.
"Zuerst muss Wasser auf dem Feuer warm gemacht werden, damit dieMelker sich die Hände gut waschen können", sagt Oguk. "Die Eimer undKannen müssen aus Metall sein, wir akzeptieren keine Milch in altenKanistern." Oguk hat ein plastifiziertes Merkblatt dabei, das dienötigen Schritte in kleinen Skizzen darstellt. Schließlich können diewenigsten Kamelhirten lesen oder schreiben. Ein Mann, der anerkennendbeide Daumen hochhält, markiert die guten Methoden, einer, derangeekelt die Hände vors Gesicht schlägt, steht neben den schlechtenBeispielen.
"Wichtig ist, dass Tiere mit Euterentzündung gleich aussortiertwerden", sagt Oguk und macht eine Probe bei einer Kamelstute. Dazupresst er aus jeder Zitze etwas Milch in einen Behälter mit vierVertiefungen. Dann gibt er eine Testflüssigkeit dazu und schwenkt denBehälter. "Wenn es Schlieren gibt, ist das Kamel nicht gesund", sagter und schaut konzentriert auf die weiße Flüssigkeit. Auch Laienfällt auf, dass Kamelmilch weißer ist als Kuhmilch. Das kommt daher,dass Kuhmilch mehr Karotin enthält, das die Milch gelblich macht.
Marbachs Molkerei bekommt derzeit gerade mal 120 Liter Milch proTag von mehreren Herdenbesitzern geliefert. Manche von ihnentransportieren eine einzige Milchkanne auf dem Rücksitz des Fahrrads.Das Lieferantennetz soll aber bald ausgeweitet werden. "Unsere Anlagekann bis zu 6000 Liter am Tag verarbeiten", sagt Marbach.
Etwa vier Stunden dauert es, bis die Milch getestet, pasteurisiertund in die eckigen Halbliter-Fläschchen mit dem Kamel-Logo abgefülltist. Dann kommt sie in den Kühlraum, bis der nächste Transport nachNairobi geht.
Das größte Problem sei die Infrastruktur, sagt Marbach. "Wegen derhäufigen Stromausfälle bräuchten wir dringend einen Generator."Außerdem seien die Straßen in Kenia so katastrophal, dass derTransport lange dauere und teure Kühllaster nach wenigen Monatendefekt seien.
Außer der Milch, die bereits in mehreren Geschäften und Hotels inNairobi zu bekommen ist, produziert die Molkerei auch Eiscreme,Buttermilch und Yoghurt. Die Herstellung von haltbarer Milch ist nochzu kompliziert und teuer. "Auch Käse ist schwierig, weil Kamelmilchschlecht gerinnt", sagt Marbach. Schweizer Forscher haben vor einigenJahren eine Methode entwickelt, wie sie mit Hilfe eines künstlichhergestellten Enzyms dennoch Kamelkäse herstellen können.
Einer der Forscher, Zakaria Farah, stammt aus Somalia, dem Land,das ebenso viele Kamele wie Einwohner hat, nämlich je siebenMillionen. Er hat vor zwei Jahren ein Standardwerk über Kamelproduktegeschrieben, das auch einige Rezepte enthält - unter anderem fürCorned Camel, Kamelcamembert und Camburger. Dabei wird dieBeschaffung frischer Zutaten vermutlich die größte Schwierigkeitsein. (dpa)
