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Karl Dall erinnert sich

4 min

Alles im Blick: Karl Dall.

Hamburg - Karl Dall muss die Nacht zum 28. Oktober in Rudolstadt verbringen. Die städtische Kleinkunstbühne hat den Komiker auf Grund der Nachfrage für einen zweiten Abend gebucht.

Denn in die thüringische Stadt führt ihn eine Lesetour, die Ende September beginnt und Anfang Dezember endet. Karl Dall hat unter dem Titel «Auge zu und durch» seine Lebenserinnerungen aufgeschrieben und tingelt mit dem Werk, das sein triefäugiges Konterfei auf dem Titel trägt, durch die Lande.

Bereits jetzt ist der Marketingfeldzug ins Rollen geraten. Unter anderem talkte Karl Bernhard Dall wohl gelaunt eine Stunde lang mit seiner Schwester Elisabeth Voss, Paola und Kurt Felix sowie Blödelbarde Mike Krüger in Johannes B. Kerners ZDF-Plauderrunde. Außerdem druckte die «Bild»-Zeitung den Roman über den gelernten Schriftsetzer mit abgebrochener Schule, der aus seinem Körper und seiner Komik eine maximale Leistung herausholte, vorab. Eine aufeinander abgestimmte TV- und Printkampagne sind Garanten für den Erfolg eines Buches.

Das Geheimnis seines hängenden Schlupflids wurde dann auch folglich in der konzertierten Aktion gelüftet, zumindest für diejenigen, die nicht wussten, dass es sich bei dem Markenzeichen um eine angeborene Augenmuskelschwäche handelt, deren Folgen er, wie Dall einräumt, später für 200 Mark hätte beheben können. Aber wozu auch? Denn der schräge Blick war immer sein «Mercedesstern im Gesicht». Skandale legt er in seinem Buch nicht frei, bloß: «Grass war in der SS, ich im CVJM», sagt er.

Dall schildert nüchtern und komisch zugleich seine Jugend in Ostfriesland, seinen Umzug nach Berlin, die alkoholischen Eskapaden, die Anfänge der Truppe Insterburg & Co und wie ihn der Titel «Diese Scheibe ist ein Hit» nach oben spülte. Dall hat seine geheimen Ängste bereits im Vorwort notiert: Viele fragten sich, warum er ein Buch schreibe. «Jetzt singt dieser Kerl nicht nur und quält uns mit seinen dummen Sprüchen, jetzt schreibt er auch noch.» Und er gesteht: «Es ist leichter, ein Buch zu schreiben, als eines von einem Kollegen zu lesen.»

Drei Dinge hätten in den harten sechziger Jahren genügt: Alkohol, Zigaretten und etwas zu essen. An einem Tag musste Dall den «Arsch von Rubens» in Vertretung für einen Straßenmaler weiterpinseln und bekam dafür ein paar Mark von Passanten, bis der Regen das Kunstwerk wegspülte. Das Sofa, das er für zehn Mark transportieren sollte, bekam er nicht in den 5. Stock hoch, so dass er jemand anders zehn Mark dafür zahlte, dass er ihm die Arbeit abnahm. Und er begriff: Wichtig ist, was unten rauskommt.

Das Leben war für die Ausbrecher aus dem konventionellen, miefigen und spießigen Bundesrepublik nicht nur schwierig, weil sie überleben mussten. Die Viererbande von Insterburg & Co wurde nicht einmal von den Linken anerkannt. Dennoch: «Wir sind aus den Kellertheatern und Bierkneipen entstanden», schreibt Dall, der heute mit Frau Barbara im schönen Hamburger Stadtteil Rotherbaum wohnt. «Hinter uns stand keine Gewinnerwartung, kein Marketing, keine Strategie. Wir gingen auf die Bühne, weil wir auf die Bühne mussten.»

Dall hat nach eigenen Worten das Zeitfenster zwischen Erfindung der Pille und Aids-Zeitalter genutzt. Eine feste Beziehung habe er nie unterhalten, bis er Ende der sechziger Jahre Barbara kennen lernte. Die gemeinsame Tochter Janina wohnt heute in Kanada - dort, wo Dall, sechs Stunden von Vancouver entfernt, ein Seegrundstück besitzt. Die TV-Kapitel RTL («Dall-As») und Sat.1 hat der Künstler abgeschlossen, ebenso wie seine Filmkarriere, die als Komparse bei «Winnetou» (mit Mario Adorf) begann und im «Sunshine Reggae auf Ibiza» gipfelte.

Welches sein vollkommenes irdisches Glück sei, wollte der «FAZ»-Fragebogen einmal von ihm wissen. «Leicht besoffen - ohne Termine im Nacken», schrieb Dall auf. Daraus wird im Herbst nichts, denn die Lesetour hat mindestens 22 Auftritte vorgesehen.

Karl Dall

Auge zu und durch

Hoffmann und Campe Verlag

320 S., 19,95 Euro

ISBN: 3455500005 (dpa)