KÖLN. "Salve, Goldmariechen, Dein Kama grüßt und küsst dich siebenfach." Wer hier seiner Geliebten einen Gruß schickt, ist Karlheinz Stockhausen. Gerichtet ist die Liebesbezeugung an Mary Bauermeister. Im Anagramm der Liebenden: Kama, Karlheinz, Maka, Mary. Oder eben: Goldmariechen. Das ist die Symbolsprache des Paares und Zeichen der Symbiose. Es ist Frühjahr 1961, nach vier Jahren war Stockhausens Werben um sie erfolgreich.
Karlheinz Stockhausen und Mary Bauermeister bleiben elf Jahren zusammen, heiraten, bekommen zwei Kinder (Julika und Simon), lassen sich scheiden und werden zu Freunden. Als umfassende, verzehrende Liebe schildert Mary Bauermeister, heute 77, diese Zeit in ihren Erinnerungen ("Ich hänge am Triolengitter. Mein Leben mit Karlheinz Stockhausen", Edition Elke Heidenreich bei C. Bertelsmann, 21,99 Euro). Herausgekommen ist ein wilder, atemloser Ritt durch die 60er und frühen 70er Jahre und ihre internationale Kunst- und Musikszene; ein Buch, das auf 320 Seiten nichts beschönigt oder weglässt. Eine öffentliche Liebeserklärung an Stockhausen. Zwei Magnete treffen aufeinander, irgendwann im Jahr 1957, auf der Hohe Straße in Köln. Die Augenpaare finden sich, der Mann und die Frau bleiben überrascht stehen. Das ist der Urknall dieser Künstlerbeziehung.
Sie ist 23, aufstrebend in der Kunstszene, er ist 29, schon berühmt für seine Neue Musik. Dass es der Komponist ist, dem sie begegnet ist, weiß sie nicht. Im Konzert sieht Mary Bauermeister den Unbekannten später wieder. "Nun war es doppelt um mich geschehen, musikalisch, und ja erotisch." Der Liebe nachgeben will junge Frau, katholisch erzogen, zunächst nicht. Denn da gibt es Stockhausens Ehefrau Doris und die vier Kinder. Sie widersteht allem, vier Jahre lang. Irgendwann weiß sie aber: "Ich würde sein Musikinstrument werden, ich würde zu Klang werden." Und: "Alles nahm seinen Lauf, es war ein elf Jahre währender Fackellauf." Stockhausen bringt seine neue Geliebte zu sich nach Hause, später finden sich beide nackt auf dem Bett. Die folgenden sieben Tage und sieben Nächte werden sie in intimster Vertrautheit verbringen.
Alle Mauern fallen. Sie führen eine Dreierbeziehung. Karlheinz, Mary, Doris. Trennung, Versöhnung, Ausbruch, das Drängen des Komponisten zur Rückkehr. So geht es über Jahre. Zu zweit, zu dritt bereisen sie die Welt, treffen John Cage, Nam June Paik, Marc Chagall, Max Ernst, René Magritte. In den USA Leonard Bernstein, Stockhausen improvisiert mit ihm. Sind Karlheinz und Mary getrennt, schreiben sie sich Briefe, täglich. Doch die Liebe ist nicht unbeschwert: Die Konkurrenz zu Doris bringt die Künstlerin aus der Fassung. Mary Bauermeister ist nicht glücklich.
"Der Urgrund von Stockhausens Musik ist Schmerz und das Heilmittel Liebe", beginnt sie programmatisch das Buch. Als sie später zu Stockhausens Erstfrau wird, sucht sich der Komponist neue Gespielinnen. Das Erlebte fließt in Noten. Ohne Frauen an seiner Seite würde es den Komponisten Stockhausen nicht geben, das ist die Botschaft des Buches. Aber brauchen die Frauen auch ihn? Mary Bauermeister nabelt sich ab. In New York fasst sie Fuß, ist Mitbegründerin der Fluxus-Bewegung. Ohne Karlheinz, der oft allein daheim in Kürten sitzt und schmollt. Als Mary ihr Haus in Forsbach baut und sich Freiraum erkämpft, macht ihr Stockhausen Vorwürfe. Ein drittes gemeinsames Kind lehnt er ab, das ist die Trennung. Er überschüttet sie mit Briefen, "in aller Härte" habe sie antworten müssen. Stockhausen tröstet sich mit einer neuen Muse, jung und kinderlos.
Mary Bauermeister macht kein Drama aus diesen Frauengeschichten. Stockhausen habe die Frauen um der Musik willen geliebt, sagt sie. Das "wortlose Einstimmigsein" zueinander sei wichtiger gewesen als die nächste Liebschaft. "Doch die Liebe bestand fort, ja, sie tut es über den Tod hinaus bis heute."
Kölner Buchpremiere
mit Mary Bauermeister und Elke Heidenreich, heute, 20 Uhr, Zentralbibliothek.
