BERGISCH GLADBACH. Wer zum ersten Mal Gladbachs älteste und einzige Teestube betritt, der bleibt unwillkürlich in der Tür stehen: Habe ich mich in ein fremdes Wohnzimmer verlaufen?
Sofas mit Plüschkissen und Teddybären, dackelbeinige Stühle, von denen immer gerade vier oder fünf zusammenpassen, gerahmte Fotografien an der Wand neben Setzkästen voller Schneckenhäuser und Korallen, Spitzendeckchen und Leuchter auf den Tischen, Büffettschränke mit tausend Schubladen und Glastüren - das alles verteilt über einen Fuchsbau von kleinen Stuben und Zimmerfluchten mit Stuckdecken und Jugendstilfenstern und unterlegt mit leiser klassischer Musik.
Mit dieser ganzen Puppenstubengemütlichkeit ist Schluss am 30. April: Nach 22 Jahren gibt Irene Rüdell, Wirtin des Samowar in der Hauptstraße 127, auf - nicht, weil sie vor wenigen Tagen 65 Jahre alt geworden ist, sondern weil das hier keine Zukunft mehr hat, wie sie wehmütig und resolut zugleich feststellt.
Vor vier Wochen hat man ihr im Planungsamt mitgeteilt, dass das alte Wohnhaus der Fabrikantenfamilie Köttgen definitiv abgerissen werden soll. Schon 2007 soll an dieser Stelle das Einkaufszentrum RheinBerg-Galerie entstehen. Dann ist für den Jugendstil-Charme kein Platz mehr.
Lange hatte die gebürtig Bopparterin nach einem solchen Schmuckstück gesucht: Nach Jahren im lauten, stressigen Service, von der Diskothek bis zur Kneipe, wollte sie etwas Leises, Beschauliches machen. Kanapee sollte es heißen, aber den Namen schnappte ihr kurz vor der Eröffnung ein anderes Gladbacher Lokal weg. Also nahm sie den Samowar ins Schild, den russisch-türkischen Teekocher. Zwei davon gehören immer noch zur Dekoration.
Ab 1. Mai können die Gäste das gesamte Inventar erwerben: Möbel, Porzellan, Bilder, Spiegel, Lampen - Ich war immer schon eine Sammlerin, schmunzelt sie: Die ersten Möbel im Samowar stammten aus ihrer Wohnung.
Einfach waren die Jahre nicht: Vor allem seit Einrichtung der Fußgängerzone. Früher war s abends immer voll. Aber dann gab es keine Parkplätze mehr und unter meinen Gästen sind besonders viele Frauen. Die sind nachts ungern zu Fuß unterwegs, vor allem weil das hier immer schon eine dunkle Ecke war.
Dennoch haben ihr die Stammgäste immer die Treue gehalten: Anfangs kamen vor allem Schüler, damals war ja Teetrinken noch in. Mundpropaganda sorgte für den Rest. Die Babybilder über dem Wickeltisch dokumentieren, dass inzwischen schon komplette Gästegenerationen nachgewachsen sind: Sie müssen sich jetzt ein anderes Refugium suchen.