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Kinderheim in MayenSchläge und Ekel erregende Strafen?

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Bis 1974 beherbergte das ehemalige Kloster in Lehmen im Kreis Mayen-Koblenz ein Kinderheim. (Foto: dpa)

LEHMEN/BERLIN. Die Vorwürfe sind ungeheuerlich: Nonnen sollen Heimkinder gezwungen haben, Erbrochenes wieder aufzuessen. Dreckige Wäsche soll mit Stockschlägen in den Unterleib bestraft worden sein. Wer sein Bett einnässte, musste angeblich stundenlang in eiskaltem Wasser ausharren. So soll es nach Meinung von einigen Zeitzeugen um etwa 1960 im Kinderheim des Klosters Lehmen (Kreis Mayen-Koblenz) zugegangen sein. "Die Aussagen machen mich betroffen und beschämt, gleichzeitig kann ich es nicht glauben", sagt die Provinzoberin der Karmelitinnen, Schwester Claudia, in Berlin. Sie ist die oberste Vertreterin des Ordens in Deutschland.

Die Vorwürfe lassen sich ihrer Meinung nach nicht nachprüfen. "Die Schwestern, die zu der Zeit dort waren, leben nicht mehr, und Akten gibt es auch keine", sagt Schwester Claudia, die selbst 1965 für wenige Monate Praktikantin im Heim Lehmen war, aber etwas derartiges nicht erlebt haben will. Bereits 1974 wurde das Kloster geschlossen. Schnell denkt derjenige an Trittbrettfahrer, der die mutmaßlichen Misshandlungen in einen Zusammenhang mit Entschädigungsforderungen nach immer mehr Missbrauchsfällen an Jesuiten-Kollegs bringt. Doch die Vorwürfe im Lehmener Fall wurden bereits im Mai 2009 erstmals an den Karmelitinnenorden gerichtet.

Für seinen Mandanten Wolfgang Görges bemüht sich der Kölner Rechtsanwalt Thomas Jembrek trotz der schwierigen Beweislage um eine Entschädigung. Görges war als Sechsjähriger nach dem Tod seiner Mutter im Jahr 1960 nach Lehmen gekommen, weil sein Vater mit der Situation überfordert war. "Im Prinzip mache ich die Arbeit eines Detektivs", sagt Jembrek. Auf Akten könne er dabei zwar nicht zurückgreifen, dafür habe er aber mittlerweile rund 20 ehemalige Heimkinder gefunden, die diese Vorwürfe zumindest in Teilen bestätigen können. "Mittlerweile sind es so viele, dass man es gar nicht bestreiten kann", meint der Anwalt.

Nicht nur der 55-jährige Görges leide bis heute unter dem Erlebten, er habe "psychische Schäden" wie Berührungsängste, sagt Jembrek. Auch andere ehemalige Heimkinder aus Lehmen litten heute unter posttraumatischen Belastungsstörungen.

Der Anwalt will den Orden auffordern, sich seiner Verantwortung zu stellen. "Ich will wissen, in welcher Form sie sich eine Entschädigung vorstellen." Es gehe ihm um eine "finanzielle Erleichterung" für seinen Mandanten, denkbar sei auch eine Hilfe zur Eingliederung in den Arbeitsmarkt.

Schwester Claudia wundert sich derweil, dass ihr Gesprächsangebot vom vergangenen Jahr bis heute nicht wahrgenommen wurde. Ihre eigenen Nachforschungen im Orden und bei kommunalen Ämtern blieben erfolglos. "Und es wurde ja im Zusammenhang mit den Vorwürfen auch bislang kein Schwesternname genannt", merkt die Provinzoberin an.

Unterdessen hat gestern der Verband Katholischer Internate und Tagesinternate (VKIT) erklärt, man wolle jedem Verdacht auf sexuellen Missbrauch sofort nachgehen. "Zum Schutze der Kinder und Jugendlichen ist jede Anzeige oder Verdachtsäußerung eines Missbrauchs umgehend zu prüfen." In dem Verband sind mehr als 50 katholische Internate aus Deutschland vertreten. In ihnen werden 2700 Schüler sowie 1400 Tagesschüler unterrichtet. (dpa)